Editorial

Messen und Kongresse

Nachdem wir nun ohne den befürchteten ganz großen Computercrash ins neue Jahrtausend gestartet sind, blicken wir voller Erwartung auf die großen Innovationen, die uns allenthalben von der Wirtschaft, den Markt- und Meinungsforschern angekündigt werden und in deren Schlepptau, oder auch als deren Promoter, die Werbefachleute ihre Slogans vor die Messen und Kongresse dieses Jahresanfangs plazierten. Aber die Entwicklung auf unserem ureigenen Fachgebiet, der Informationswissenschaft, geht selbst so rasant voran, dass auch ohne den Beginn eines neuen Jahrtausends immer Neues auszumachen und vorzustellen ist. Dieser Aufgabe wollen wir uns auch weiterhin mit der Zeitschrift B.I.T.online verschreiben.

Den Anfang machte schon im Januar die OmniCard 2000, das internationale Treffen der Chipkartenwelt, über die wieder kompetent Clemens Deider berichtet. Nahezu unbegrenzte Einsatzmöglichkeiten versprachen dort die Forscher hinsichtlich der neuen Chipkarte mit Monitor und Display, auf die per Knopfdruck die gespeicherten Daten aufgerufen und verwendet werden können. Ebenso verwirrend ist die Vielfalt an Neuerungen, die die CeBIT im Februar bot und aus der ebenfalls Clemens Deider wieder Interessantes für Bibliothekare, Dokumentare und Informationswissenschaftler herausgepickt hat.

Letztere versuchen ja im Zuge der Globalisierungs- und Fusionierungstendenzen immer mehr zusammenzugehen oder sich zusammenzuschließen. Diesem Ziel sollte auch der 1. Gemeinsame Kongress der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände und der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis im März in Leipzig dienen. Man hat erkannt, dass die einzelnen Gruppen unserer Berufssparten in der Öffentlichkeit zu wenig Gehör finden. Dies ließe sich verbessern, wenn man gemeinsam und geschlossen auftritt und sich mit einer renommierten und erfahrenen Institution wie der Leipziger Buchmesse verbündet. Dazu gehören aber nicht nur das notwendige Know-how, sondern ebenso auch die entsprechenden Fachleute aus dem PR-Bereich und daran scheint es wohl in Leipzig noch gemangelt zu haben.

Zwar wurde das Zusammenklinken mit der Leipziger Buchmesse als großes Ereignis oder gar als ebensolche Tat vermerkt, im gedruckten Programm fand es jedoch nur an drei Stellen Erwähnung: im Grußwort auf Seite 3, im Alphabet der "Allgemeinen Informationen" auf Seite 52, wo man erfuhr, dass mit der Tagungsgebühr gleichzeitig der Eintritt zur Buchmesse bezahlt sei, und schließlich bei den Abendveranstaltungen auf Seite 37 mit einem Hinweis auf die Eröffnung der Buchmesse, aber weder wann noch wo diese Eröffnungsveranstaltung stattfand wurde dort vermerkt, nur dass dazu eine gesonderte Einladung notwendig sei! Nun, die Hoffnung, diese bei der Anmeldung durch ein gesondertes Schreiben an das Ortskomitee zu erhalten, trog. Die Hinwendung an den Börsenverein, sonst eigentlich presseaktiv, in Frankfurt und Leipzig, brachte nur den lapidaren Hinweis, sich an den Leiter des Ortskomitees zu wenden. Diese neue Aussicht ergriffen, kam auch prompt die Antwort er wolle sein Bestes tun! Mit dieser Willenserklärung konnte man allerdings nicht in die Eröffnungsveranstaltung der Buchmesse gelangen. Da half nur, sich direkt an die Leipziger Messe selbst zu wenden, und siehe da, der zuständige Referent für die Buchmesse, ein erfahrener PR-Mann, arrangierte das sofort. Dass andere Kollegen ähnliche Erfahrungen machten, oder vielleicht mangels eingehender Programmhinweise gar nicht auf die Idee kamen, zur Eröffnung der Buchmesse zu gehen, zeigte die kleine Schar dort anwesender Bibliothekare!

Diese kleine Episode sollte nur veranschaulichen, welche Lücken im PR-Bereich auf "unserer" Seite noch zu schließen sind. Man könnte die Liste der Unzulänglichkeiten beliebig fortsetzen, z.B. wenn man fragt, warum man mit seiner Tagungskarte die Straßenbahn erst am 4. Tagungstag benutzen durfte? Vorher wurde man mit lästigem Münzenbesorgen geplagt, und wenn man diese schließlich hatte, war entweder kein Fahrscheinautomat zur Stelle oder einer, der nur abgezähltes Geld annahm oder schließlich ein Straßenbahnführer, der nicht wechseln konnte. Kleine Widrigkeiten also, ebenso wie das Fehlen eines Messe-Orientierungsplanes im Programmheft (trotz dortiger Ankündigung), die den Ablauf eines so bedeutenden Kongresses unnötig erschwerten. Aber war er so bedeutend, der Kongress?

In der Öffentlichkeit wurde er sicher kaum bemerkt. Nach Informationsfetzen in Rundfunk, Fernsehen oder Tagespresse muss man sicher mit der Lupe suchen. Die eigentliche Pressekampagne setzte erst zur Buchmesse oder für diese ein, was wiederum auf die Lücken im PR-Bereich bei uns hinweist, siehe oben!

Aber noch wichtiger als Public Relations sind wohl die Inhalte, und da gab es wieder eine Fülle qualitätvoller Beiträge. B.I.T.online hat dabei geholfen, durch die tägliche Herausgabe von Kongress News, ein wenig als Leitfaden zu fungieren und wird auch nach Ende der Tagung die wichtigsten Beiträge in einem Kongressband zusammenfassen. Weiter darf in eigener Sache die Verleihung des B.I.T.online-Innovationspreises erwähnt werden, die dieses Jahr zum zweiten Mal erfolgte und über die wiederum Romana Blechschmidt in diesem Heft berichtet. Verbunden war damit die Eröffnung und Vorstellung der neuen Schriftenreihe B.I.T.online-Innovativ, in der die jeweiligen Preisträger, und andere, ihre Arbeiten veröffentlichen können.

So werden in diesem Heft eine Reihe von Messe- und Kongressberichten zu finden sein, Projektberichte werden fortgesetzt (Dissertationen online) oder abgeschlossen (Digital Libraries) und als Schwerpunktthema Informationsprobleme aus unterschiedlicher Sicht abgehandelt (Ball, Hollender, Neubauer und Trinkler). In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, in dieser Ausgabe wieder Interessantes und Lesenswertes finden. Es wünscht Ihnen dazu eine gute Lektüre

Ihr Dr. Rolf Fuhlrott
Chefredakteur