1959 – das Jahr, in dem an den Preußischen Instruktionen gezweifelt wurde

Bibliothekarisches und Nichtbibliothekarisches aus dem Zentralblatt für Bibliothekswesen
und der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie

Erlesenes von Georg Ruppelt

Zunächst eine Warnung an alle seriösen Leser dieser seriösen Zeitschrift, also an alle Leser: Dies ist kein objektiver Beitrag zur Geschichte des Bibliothekswesens und der Bibliographie! Im Gegenteil: Dieser Beitrag ist nicht seriös, dafür aber in ganz außerordentlichem Maße subjektiv! Die Warnung gilt besonders Studenten und Berufsanfängern: Dieser Beitrag ist vollkrass subjektiv! Ukko, der finnische Donnergott, möge verhüten, dass Sie diesen Beitrag jemals in einer Examens-, Magister- oder Doktorarbeit zitieren!

Wie subjektiv er in der Tat ist, zeigt sich schon daran, dass sein Verfasser jetzt gleich zu Anfang versucht, sich an das Jahr 1959 zu erinnern. 1947 irgendwo im Norddeutschen geboren, fällt ihm aber nur Weniges ein. Unter anderem etwa dies, dass seine Eltern eine mit Brillantine kunstvoll aufgebaute „Elvis-Tolle“ unter Qualen goutierten. Als er es jedoch wagte, vom Friseur mit einem „Rundschnitt“ heimzukehren, wurde er unter Begleitung eines Donnerwetters zu diesem zurückgeschickt, auf dass dieser den Rundschnitt in einen „Fassong-Schnitt“ umwandle. Hauptgesprächsstoff war damals in seiner Verwandtschaft ein(e) „Twen“, die geheiratet wurde und – Skandal, Skandal! – schon unübersehbar „etwas Kleines unter dem Herzen“ trug. (Dieser Beitrag wird übrigens an keiner Stelle Vergleiche zur Gegenwart ziehen.)

Eine weitere Erinnerung ist, dass die vor Jahren offenbar für die Ewigkeit gekauften kurzen Lederhosen nun doch zu klein und deshalb verschenkt wurden. Und dieses noch, weil dieser Beitrag in einer bibliothekarischen Fachzeitschrift publiziert wird: Der Verfasser begann damals mit dem zweiten Lesedurchgang aller Karl-May-Bände – den Bänden mit dem schönen und verheißungsvollen grün-goldenen Einbänden.

Was geschah vor 50 Jahren darüber hinaus noch Wichtiges und Berichtenswertes? Hier einige Ereignisse in homöopathischer Verdünnung:

Doch nun zu den beiden Fachzeitschriften, die den Verfasser, wenn er sie früher in ihren Originalumschlägen in die Hand nahm, immer das schöne Kinderlied summen ließen: „Grau, grau, grau sind alle meine Kleider, grau, grau, grau ist alles, was ich hab’. Darum lieb ich alles, was so grau ist … usw.“ Nicht eine Abbildung findet sich in den beiden Jahrgangsbänden; Bildung wurde damals offenbar noch nicht als wörtlich zu nehmende Aufgabe angesehen. Beginnen wir also mit der älteren Dame von beiden,

dem 73. Jahrgang des
Zentralblattes für Bibliothekswesen,
herausgegeben von Curt Fleischhack und Horst Kunze
im VEB Otto Harrassowitz, Leipzig.

556 Seiten zählen die sechs Hefte des Jahrgangs nebst einer 16seitigen Beilage über „Das wissenschaftliche Bibliothekswesen der Deutschen Demokratischen Republik im Siebenjahresplan“. Um Bibliothekspolitik, Bibliotheksplanung oder zusammenfassende Darstellungen geht es auch in elf der insgesamt 26 Hauptbeiträge. Sechs Beiträge widmen sich historischen Beständen im engeren Sinne, einige andere berichten über den Stand von Katalogvorhaben und dergleichen.

Der Verfasser fasste diese Artikel eher als retardierende Momente für seine allerdings nur bedingt dem aufregenden Spannungsbogen dieser Hefte folgenden Darstellung. Doch dann stößt er auf Oskar Tyszko und das „Problem der minderwichtigen Literatur in wissenschaftlichen Bibliotheken“. Das ist nun ein Thema, bei dem man förmlich hört, wie Kontrahenten und Diskutanten die Falzbeine wetzen und die Bleistifte spitzen. Wirklich spannend die Darstellung, und lehrreich – mehr wird nicht verraten. Selber lesen macht klug! Hier nur ein schmackhaftes Stück Sciencefictionmäßiges aus dieser Diskussionstorte:

„L e i b n i z schon stellte sich vor, daß es in nicht allzu ferner Zukunft nicht allein Komplexe von Bibliotheksgebäuden, sondern ganze Städte nur aus Bibliotheksgebäuden geben müsste. Besonders in den USA hat man sich mit dieser Frage notgedrungen beschäftigen müssen. Es sind alarmierende Zahlen errechnet worden, die um so alarmierender wirkten, als sich der angenommene Vermehrungsfaktor als zutreffend herausgestellt hat. Wir wollen hier von extremen Fällen absehen, wie etwa der Leninbibliothek [in den USA?] oder der Library of Congress, die sich um Millionen Einheiten im Jahr vermehren. Schon die Wachstumsperspektive der deutschen Staatsbibliothek, die etwa jener der Deutschen Bücherei gleichzusetzen ist, flößt Besorgnis ein. Bei gleich bleibender Vermehrung würde die Deutsche Staatsbibliothek in 50 Jahren [also 2009] etwa 7 Millionen Bände unterbringen müssen, wobei noch nicht einmal die Rückkehr der Marburger Bestände eingerechnet ist.“

Und dann stößt der Verfasser (Referendar in Wolfenbüttel und Köln 1977–1979) auf Heinrich Roloff und seinen fünfseitigen Beitrag „Sexagenarios de ponte? Betrachtungen zum 60. Geburtstag der Preußischen Instruktionen“. Eine tiefe Rührung überkommt ihn, eine tiefe Rührung, weil er sich an die vielen so erfrischenden und den Geist weitenden Unterrichtsstunden in PI erinnert. Ach ja, das machte die Welt doch klar! Da war noch ein Punkt ein Punkt, ein Komma ein Komma usw. Man musste nicht Sorge tragen, dass man etwa bei einem Geistesflug „vom Fels zum Meer“ abstürzte! Ach ja …Wie Kraut und Rüben liegt heute alles auf den Computern; jeder Idiot kommt an jeden Titel heran! Doch halt: Keine Vergleiche mit der Gegenwart war angekündigt!

Eine Erinnerung sei noch erlaubt, nämlich an das Vorstellungsgespräch, das der Verfasser 1977 in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover infolge seiner Bewerbung um eine Referendarstelle erleben durfte. Die Bibliotheksdirektoren des Bundeslandes erwarteten ihn, und sie waren wohlmeinend, was allerdings vom Kandidaten hart geprüft wurde.

An zwei Fragen erinnert sich der Verfasser genau und ungern. Die eine kratzte doch wohl eher an der Oberfläche, nämlich diese: „Was ist der Unterschied zwischen konkav und konvex?“ – „Na ja, das eine ist so rum, und das andere so. Oder war es umgekehrt?“ Dann aber die Fangschussfrage an den frisch promovierten Historiker: „Wissen Sie, was die Preußischen Instruktionen sind?“ Keine Ahnung, nie gehört. Ist sicher was Militärisches oder Politisches. „Könnte es etwas mit der preußischen Heeresreform zu tun haben?“ Volltreffer. Die Herren, obwohl alle reiferen Alters, brüllten vor Lachen.

Heinrich Roloff war bereits 1959 von des Zweifels Blässe an den PI angekränkelt, wie folgendes Zitat beweist. (Was er allerdings von den alten Römern erzählt, verzeiht der Verfasser diesen nie und macht sie ihm für immer unsympathisch.)

„Das Weiterleben der älteren Instruktion aber scheint ernstlich bedroht. Bei den alten Römern gab es eine Überlieferung, nach der angeblich die Sechzigjährigen bei Abstimmungen in den Comitien von den ‚Stimmbrücken’ (einer unserem ‚Hammelsprung’ ähnlichen Einrichtung) gewiesen wurden, so daß ihr Wort nichts mehr galt. Sollte man die sechzigjährige Preußische Instruktion etwa in der gleichen Art zum alten Eisen legen? Wie gesagt, fast scheint es so, und ehrlich gesagt, ein Wunder wäre es ja nicht.“

Komponiert ist das Zentralblatt nach einem festen Schema. Nach den umfangreichen Beiträgen kommen „Mitteilungen und Diskussionsbeiträge“, es folgen die „Buchbesprechungen“, „Kurzmeldungen“ „Neue Bücher und Aufsätze zum Bibliotheks- und Buchwesen“ und ähnliche Rubriken. Dazwischen befindet sich noch die „Chronik“, der wir uns jetzt zuwenden wollen.

In der Chronik wird aus dem Bibliotheks- und Buchwesen der ganzen Welt berichtet, aus beiden Deutschlands ebenso wie aus allen Erdteilen. Die Brüder und Schwestern der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie machten dies anders. Dort erschienen die Nachrichten aus deutschen Bibliotheken im Alphabet der Orte, unabhängig davon, ob diese im Osten oder Westen liegen. Warum das so ist? Politische Gründe in beiden Fällen natürlich. Was finden wir denn nun in der Chronik? Hier einige Stichworte:

In einer Buchbesprechung zitiert Charlotte Boden, Dresden, Wilhelm Gülich, Kiel, der wiederum Goethe zitierte: „Das beste nämlich, ein freundliches Verhältnis untereinander herzustellen ist, daß man sich wechselweise mitteilt, was man tut; denn die Menschen stimmen viel mehr in dem überein, in dem sie handeln, als in dem, was sie denken.“

Der Weimarer Dichterfürst führt uns damit gleichsam in seine Geburtsstadt

Frankfurt, wo bei Vittorio Klostermann die
Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Vierteljahresschrift
im 6. Jahr erschien und von
H.W. Eppelsheimer, G. Hofmann und H. Tiemann herausgegeben wurde.

Im Nachrichtenbereich von ZfBB ist vieles, was ZfB erwähnt, auch zu finden, schön alphabetisch geordnet, etwa so: Bibliotheken der DDR; Berlin, SB; Dresden, BTH; Evangelische Bibliotheksschule Göttingen; Hamburg, SUB; Hannover, BHT usw. Nachrichten aus dem Buch- und Verlagswesen fehlen hingegen, dafür ist die Anzahl der Kurz- und Tagungsberichte erheblich höher.

Hätten Sie’s gewusst, lieber Leser, wie umfangreich und großzügig nach 1945 die Bücherspenden der Schweiz, Schwedens, der USA und Großbritanniens, ja sogar Frankreichs und Dänemarks waren – Länder immerhin, die Deutschland vor noch nicht allzu langer Zeit mit einer besonderen Form des Tourismus überzogen hatten? Das erste Heft des Jahrgangs widmet sich ausgiebig diesem Thema.

Fachlich, sachlich, nüchtern geht es in den übrigen großen Aufsätzen zu, wie das abgebildete Inhaltsverzeichnis ausweist. Lediglich zwei kurze Beiträge widmen sich der Buch- und Bibliotheksgeschichte, nämlich „Adam Riesens Rechenbüchern“ und der „Volksliedersammlung der Brüder Grimm“.

Auf deutsche Bibliotheksgeschichte (tatsächlich nur Geschichte?) kommt Fritz Redenbacher in seinem Vortrag auf dem Bibliothekartag in Freiburg zu sprechen: „In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg hat dann Georg Leyh seine Stimme sehr vernehmlich erhoben und auf die Gefahr des Kulturabbaues durch Unterdotierung der wissenschaftlichen Bibliotheken hingewiesen. Auch seine Feststellungen und Warnungen sind von denen, für die sie bestimmt waren, nicht genügend beachtet worden. Ihr Widerhall in der Fachwelt war erschütternd gering. So kam es, daß die Bibliotheksetats immer weiter hinter dem tatsächlich notwendigen Bedarf zurückblieben.“

Gespannt schlug der Verfasser nach soviel grimmem Ernst den Beitrag von Elisabeth Reimelt über „Raettigs Bakteriophagie“ auf, hoffend einem Vorläufer der berühmten Loriotischen Steinlaus zu begegnen. Die Hoffnung trog; es handelte sich dabei, wie der Untertitel unsentimental angibt, lediglich um einen Vorschlag zur Dokumentation wissenschaftlicher Literatur.

50 Jahre sind eine lange Zeit, für Zeitschriften wie für Menschen. Einige Berufsgenerationen können sich in dieser Zeit persönlich begegnen. Und so hat denn der Verfasser in den Personalnachrichten mit einiger Rührung lesen können, dass Richard Landwehrmeyer zum Bibliotheksassessor in Tübingen ernannt worden sei; so auch Ludwig Sickmann in Köln, der aber gleichzeitig Lehrer am Bibliothekar-Lehrinstitut bleibe. Von Ewald Jammers ist die Rede, von Walter Koschorrek, Irmgard Bezzel, Rudolf Frankenberger, Eberhard Dünninger, Peter Schweigler, Burghard Burgemeister, Helmut Vogt, Hartwig und Gerhard Lohse, Wolfgang Kehr und vielen, vielen weiteren Kollegen, die bedeutsam waren für die Entwicklung des deutschen Bibliothekswesens.

An anderer Stelle begegnen Namen wie Eppelsheimer, Totok, Weitzel … Bei welcher Gelegenheit der Verfasser zum Schluss nicht umhin kann, folgende anonymisierte, gleichwohl aber verbürgte Anekdote zu erzählen. (Übrigens: Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum 82., lieber Herwarth v. Schade, und zum 87., verehrter Wilhelm Totok!)

Während eines Empfangs in Hannover anlässlich einer DBV-Tagung trafen sich in den achtziger Jahren der Direktor einer norddeutschen Kirchenbibliothek und der (eine) Verfasser eines, nein, des Standardwerkes zur Bibliographiekunde. Man wurde einander vorgestellt, worauf dem norddeutschen Bibliothekskollegen der Ausruf entfuhr: „Mein Gott, Sie gibt es wirklich! Ich dachte Sie wären ein Buch!“


Autor

Georg Ruppelt

Direktor der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek -
Niedersächsische Landesbibliothek

Waterloostraße 8
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Georg.Ruppelt@gwlb.de