B.I.T.online - Zeitschrift für Bibliothek, Information und Technologie - Aktualisiert: 16.5.2012

Reportage

Die Neuerfindung des wissenschaftlichen Publizierens

Open Access rüttelt an den Grundfesten des klassischen wissenschaftlichen Publizierens

von Vera Münch

    "... ganzheitliches Denken und ganzheitliche Ansätze verkörperten die erste Renaissance - die Zeit, in der Gelehrte und Künstler sich zwischen den Wissens- und Kulturzentren Europas relativ frei bewegten. Während dieses Privileg damals nur wenigen zuteil wurde, sollte es unser Ehrgeiz sein, in der neuen Renaissance dies zur Erwartung aller Bürgerinnen und Bürger zu machen, besonders in den Bereichen Forschung und Innovation."

    - Janez Potocnik, EU Kommissar für Wissenschaft und Forschung in der EU Kommission Barroso I,
    jetzt EU Kommissar für Umwelt (2010 bis 2014)

Bilder: Vera Münch
Voller Saal: Gut 200 Konferenzteilnehmer informierten sich auf der APE 2011 über die neuesten Entwicklungen im wissenschaftlichen Publizieren und lernten beispielsweise Utopia kennen. Die Software macht aus statischen pdfs lebende Dokumente, ohne sie zu verändern.


APE Organisator Arnoud de Kemp, Verleger und Internetpionier: "Die APE Konferenzen sind, so weit ich weiß der einzige Platz, wo die großen Verlage wie Elsevier, Springer, BMJ, Informa, kleinere Wissenschaftsverlage und publizierende Gesellschaften wie EMBO, AIP, IOP sich mit Vertretern von EU, CERN, DFG, MPG, Helmholtz, Leibniz Gemeinschaft und ähnlichen ausländischen Institutionen, Gesellschaften und Gemeinschaften treffen und unterhalten. Es ist vielleicht auch der einzige Platz, wo über die Schattenseite von 'Open Access' gesprochen wird."

Die digitale Technologie und die daraus entstandene Open Access-Bewegung verändern das wissenschaftliche Publizieren von Grund auf. Open Access (engl. "offener Zugriff"), kurz OA, steht für die Forderung nach einer kostenfreien, unbehinderten Verfügbarkeit wissenschaftlicher Veröffentlichungen für jedermann. Zur Deckung der Publikationskosten erfolgt eine Umkehrung des bisherigen Bezahlmodells: Autoren beziehungsweise ihre Institute, Organisationen oder die öffentliche Hand bezahlen für die Publikation eine Veröffentlichungsgebühr (submission fees). Für die Leser sind derart vorausbezahlte Aufsätze inklusive weiterführender Materialien (Supplements) dann kostenfrei, werden also ohne Abonnement- oder Einzelbezugsgebühren zur Verfügung gestellt.

Nach etwa fünfzehn Jahren diskutieren, forschen und entwickeln entsprechender Zeitschriften und Plattformen erscheinen heute acht bis zehn Prozent der weltweit publizierten wissenschaftlichen Aufsätze in reinen OA-Journalen oder in hybriden Journalen. Dies ergab eine im Auftrag der EU von März 2009 bis Februar 2011 durchgeführte SOAP-Studie1, deren Ergebnisse jetzt auf der Konferenz "Academic Publishing in Europe: Smarter Publishing in the New Decade", der APE 2011 am 11. und 12. Januar in Berlin, zum ersten Mal vorgestellt wurden. Die ganze Branche ist im Umbruch. Neue Geschäftsmodelle werden gebraucht; neue Geschäftsprozesse müssen organisiert werden. Alle - Verlage, aber auch die Wissenschaftler - müssen sich anpassen. Oder sie werden über kurz oder lang verschwinden.

Der Traum von einer weltweiten demokratischen Wissenschaft

Vor sechs Jahren hat Arnoud de Kemp, Verleger, Internetpionier und namhafter Experte für STM2-publishing, mit der APE ein Forum für den Informations- und Gedankenaustausch aller am wissenschaftlichen Publikationsprozess beteiligten Parteien geschaffen, um den Paradigmenwechsel zu diskutieren und den Konferenzteilnehmern umfassende Information und innovative Beispiellösungen zu präsentieren. Damals, im Jahr 2005, war die Diskussion über OA auf einem Höhepunkt und die Fronten sehr verhärtet. Die Befürworter sahen in OA die Möglichkeit einer demokratischeren Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und einen Ausweg aus der Misere, unter der Wissenschaftler und Bibliothekare litten und leiden: Die eingeführten, renommierten Zeitschriften sind ihnen zu teuer geworden. Immer lauter wurde die Forderung, dass Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung, die unterstützt durch öffentliche Mittel erarbeitet wurden, frei zugänglich sein müssten, zumal die digitalen Technologien eine preiswerte und schnelle Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse erlaube. Die Verlage hielten dagegen. Sie begründeten ihre Subskriptionspreise mit der steigenden Flut eingereichter wissenschaftlicher Manuskripte, den immer umfangreicheren Datensätzen der Supplements und der Notwendigkeit, den Lesern sowohl print- als auch elektronische Versionen der Verlagsangebote bereitzustellen. Außerdem beriefen sich die Verleger darauf, Mehrwertdienste anzubieten: darunter die Organisation des Peer-Review-Prozesses, das Angebot, wissenschaftliche Beiträge in gedruckter, elektronischer oder beiden Versionen in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften zu veröffentlichen, und ein aufwändiges Marketing für ihre Informationsquellen zu betreiben. Die Bedeutung, die eine Veröffentlichung in einer renommierten Zeitschrift hat (den genannten Impact), schreiben sie der von ihnen sorgfältig organisierten Begutachtung durch anerkannte Wissenschaftler, der intensiven Kontaktpflege mit den Autoren, der Selektion und ihrem Marketing zu.

Viel Unterstützung für OA kommt von den Forschungsorganisationen

Open Access wurde auch auf der APE 2011 wieder breit diskutiert: Dabei wurde die Forderung nach freiem Zugriff nicht nur wiederholt. Man ging sogar so weit, die vollkommene Abkehr von Subskriptions- zu Submissionsmodellen für wissenschaftliche Artikel zu fordern. In vielen Konferenzvorträgen wurde deutlich, dass auf der ganzen Welt Wissenschaftler, ihre Organisationen, Fachgesellschaften und Dachverbände darauf drängen, das wissenschaftliche Publizieren in ein wissenschaftszentriertes Open Access-System zu überführen. Sie werden unterstützt von Bibliotheken und Fördermittelgebern, die den Paradigmenwechsel aktiv vorantreiben, sowie von wissenschaftlichen Dienstleistungsinstituten. Zu den Befürwortern gehören so gut wie alle wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Forschungsorganisationen, zum Beispiel die Europäische Organisation für Kernforschung CERN und die Max Planck Gesellschaft (MPG), letztere selbst sehr engagiert im Aufbau einer integrierten digitalen Arbeitsumgebung für ihre Institute (MPI). (Mehr dazu im Bericht: "eSciDoc: Deutsche Entwicklungsarbeit als Basis international vernetzter Wissenschaft und Forschung" in Ausgabe 1-2011 von B.I.T.online.)

Noch aber sind die Rollen im wissenschaftlichen Publizieren der Zukunft lange nicht verteilt. Auch die anfängliche Euphorie darüber, was die digitale Technologie für den Austausch wissenschaftlicher Informationen und die Kooperation unter Wissenschaftlern leisten kann, ist ein wenig abgeklungen. Sie ist der Erkenntnis gewichen, dass der Übergang von print zu digital eine riesige Herausforderung ist, die alle an der Produktion, Veröffentlichung, Dokumentation und Archivierung von Wissen Beteiligten fordert: Wissenschaftler wie Bibliothekare, Verleger wie Fördermittelgeber, Fachgesellschaften wie Behörden. Und die mit dem globalen Umbruch verbundenen politischen Fragestellungen sind noch lange nicht thematisiert, geschweige denn in ihrer vollen Tragweite bekannt: Wie können in einer globalen Wissenschaft, in der alle Erkenntnisse an jedem Ort der Welt für jedermann frei verfügbar sind, nationale Interessen gewahrt, geistiges Eigentum geschützt und persönliche Einkünfte abgesichert werden? Welche Auswirkungen hat das alles auf die Weltwirtschaft und die nationale Ökonomie eines Landes? Fragen, die mehr als dringend auf die weltpolitische Agenda müssen. Die Europäische Kommission (EC) bietet einen ersten Schritt an, um Antworten auf die anstehenden Fragen zu erarbeiten.

Europäischer Forschungsbeirat ERAB empfiehlt: "Ein Davos für RDI"

Die EC hat eine "High Level Expert Group on Scientific Data" damit beauftragt, eine "Vision 2030" für die digitale Infrastruktur wissenschaftlicher Informationen zu erarbeiten. Als einer der Hauptredner auf der APE-Konferenz sprach Professor John Wood, Generalsekretär der Association of Commonwealth Universities, London, und Vorsitzender der hochrangigen Expertengruppe für wissenschaftliche Daten von "technischen, linguistischen, rechtlichen und anderen speziellen Problemen", die es zu lösen gelte, damit die "Globalisierung der Forschung" Wirklichkeit werden kann. Zu den speziellen Problemen zählte er "den offenen Zugriff über Ländergrenzen hinweg, die unterschiedliche Gesetzeslage bei geistigem Eigentum und Datensicherheit, die Weiterverwendung und Wiederverwertung von Originaldaten durch Nutzer sowie ethische und die Privatsphäre betreffende Überlegungen". Es seien auch "grüne Lösungsansätze" für den Energieverbrauch bei Datentransport und Datennutzung notwendig. Wood stellte unmissverständlich fest: Die "Globalisierung der Wissenschaft" kommt auf uns zu. Seiner Meinung nach wird eScience in den Vordergrund treten und "die Integration von Forschungsdaten und Publikationen wird zur Triebkraft der Wissenschaft". Der EU-Beirat für den europäischen Forschungsraum ERAB (European Research Area Board) schlägt angesichts der Tragweite der Veränderungen ein "Davos für Forschung, Entwicklung und Innovation" vor. Der Bericht von Woods Expertengruppe wird Bestandteil des Arbeitsprogramms 2011 "e-Infrastruktur" und dient als Grundlage für das nächste Rahmenprogramm der EU. Um die Tragweite dessen darzustellen, worum es langfristig insgesamt geht, zitierte Wood die am Anfang dieses Textes wiedergegebene Aussage von EU-Kommisar Janez Potocnik.

Die Diskussion wird weniger emotional geführt

Angesichts der gewaltigen Herausforderungen hat sich der Tonfall in der Diskussion um Open Access verändert: "Heute wird weniger emotional diskutiert", stellte Eefke Smit, Direktorin für Standards und Technologie der International Association of STM Publishers, Amsterdam, auf dem Podium zum Abschluss der APE fest. Sie wies besonders darauf hin, dass die Themen der diesjährigen Konferenz wie beispielsweise Peer Review, organisatorische Aufgaben oder Technologien und Märkte an sich nicht neu waren, aber nun wesentlich rationaler diskutiert werden als früher. Diese Veränderungen bewertete sie positiv: "Wir bewegen uns offensichtlich auf Lösungen zu. Wir kommen von der Theorie zu Fakten; aus Gedanken und Ideen werden Handlungen."

Das ist auch dringend notwendig, wie die APE mehr als deutlich machte. Das klassische wissenschaftliche Publikationsverfahren braucht eine Runderneuerung um

  • die Forderungen der wissenschaftlichen Community abzudecken

  • das Potenzial der digitalen Technologie hinsichtlich wissenschaftlicher Information, Kommunikation und Kooperation auszuschöpfen und

  • den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei der Bewältigung der Informationsflut zu helfen.

In den vergangenen 25 Jahren haben allen voran die STM-Verleger riesige Summen in die Entwicklung elektronischer Produkte und Plattformen investiert, um Wissenschaftsinformationen online verfügbar zu machen. Auch heute haben die Vorreiter und Internet-Pioniere wie z. B. Thomson, Elsevier und Springer Science and Business Media eine "Golden Road" als digitale Strategie in petto, aber sie schreiten langsamer und vorsichtiger voran, weil niemand weiß, was nach einem Vierteljahrhundert rasant sich verändernder Informationstechnologien und heftiger Turbulenzen auf dem Markt als nächstes kommen wird. Andere Verleger, vor allem diejenigen, die in der Hauptsache Bücher anbieten, beobachten die Entwicklungen und warten auf den günstigsten Zeitpunkt, um einzusteigen.

pdfs zum Leben erwecken, ohne sie zu verändern: Adam Marshall, Gruppenleiter Marketing and Customer Service von Portland Press, London, stellte die faszinierende Software Utopia Documents und das mit ihr in ein semantisches Journal verwandelte Semantic Biochemical Journal vor.

Die große Zukunft des pdf-Formates

So war es keine Überraschung, dass auf der APE 2011 die neuesten Entwicklungen von Universitätswissenschaftlern aus den Fachbereichen Informatik und Information Engineering sowie von Softwarehäusern und Start-Ups stammten. In einem faszinierenden Vortrag zeigte Adam Marshall, Group Head of Marketing and Customer Services von Portland Press Ltd., eines in London ansässigen Anbieters von Softwarelösungen für Publikation und Wissensvermittlung, wie die Software Utopia Documents pdf Dokumente zum Leben erweckt. Die an der Universität von Manchester in Kooperation mit Wissenschafts- und Wirtschaftspartnern entwickelte Software verbindet pdfs mit Live-Quellen im Web und verwandelt statisches Datenmaterial in interaktiven Live-Content. Live-Quellen können primäre Forschungsdaten aus Instituts-Repositorien sein, Bildersammlungen oder Animationsmodelle molekularer Strukturen oder auch Informationen aus Wikipedia und anderen Quellen. Ohne die zugrunde liegende pdf Datei zu verändern, stellt die Software Funktionen zur Verfügung, mit denen man den Inhalt von Artikeln durchsuchen, interessante Zeilen kopieren, Notizen einfügen, ein Dokument markieren und es anderen zur online-Diskussion zugänglich machen kann. Portland Press hat mit dem Utopia-Team der Universität von Manchester das "Biochemical Journal (BJ)" in ein "Semantic Biochemical Journal" verwandelt, was auf der Homepage des Biochemical Journals als eine "neue Dimension des wissenschaftlichen Publizierens" angekündigt wird. Und das ist es ohne Zweifel: pdfs sind nicht mehr nur "elektronische Papiere", wie Marshall augenzwinkernd den Wissenschaftlern zurief, die behaupten, die Zeit des pdf-Formats sei abgelaufen. Utopia Documents ist eine Open Source Software, die kostenlos heruntergeladen werden kann: http://www.getutopia.com. Durch Anklicken des Links gelangt man auf die Download-Seite, auf der ein pdf-Dokument zur Verfügung steht, das die Software auf 17 Seiten beschreibt, Diese pdf-Seiten sind allerdings noch nicht zum Leben erweckt.

"Jetzt hören sie vielleicht den Mark Zuckerberg des STM Publizierens"

Senkrechtstarter: Dr. Victor Henning, Mitgründer und CEO von Mendeley, London.

"Und jetzt hören Sie vielleicht gleich den Mark Zuckerberg des STM Publizierens", kündigte Eefke Smit mit unüberhörbarer Begeisterung Dr. Victor Henning als nächsten Redner im Konferenzblock Innovation an. Henning ist Mitgründer und CEO von Mendeley, London, einem Senkrechtstarter in der wissenschaftlichen Informations- und Kommunikationswelt. Sieht man sich die Sache genauer an, besteht kein Zweifel, dass Mendeley mit seinen kostenlosen "Forschungswerkzeugen für den Desktop und das Web" große Teile der gesamten Wissenschaftswelt im Sturm erobern wird.

Aber fangen wir von vorne an: Im Jahr 2008 versuchten drei deutsche Philosophiestudenten, Jan, Paul und Victor, jeder mit einem Skype-Account, sich online über ihre Forschungsarbeiten auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis: "Forschung selbst ist sozial. Aber Werkzeuge und Daten sind es nicht." Daraufhin suchten sie nach einer besseren Lösung und erfanden Mendeley. Aus der Software, ursprünglich dazu entwickelt, Forschungsunterlagen zu verwalten und gemeinsam zu bearbeiten sowie die Kollaboration organisatorisch zu managen, wurde "eine Kombination aus Desktop-Anwendung und Website, die Wissenschaftlern und Studierenden dabei hilft, Inhalte (content) und Forschungskontakte zu verwalten, zu teilen und zu entdecken". Die Software enthält Web 2.0 Funktionsmerkmale wie Tags, Umgebungssuche, my library und sie erlaubt sogar statistische Auswertungen der Leserzugriffe.

In Berlin präsentierte Henning das System als "die weltweit größte semantische Forschungsdatenbank, entstanden auf einem Schmierzettel". Er kündigte neue Applikationen an, die Mendeley-Daten mit chemischen Stoffen, geografischen Bezugsdaten und Standorten, der Alzheimer Forschung sowie mit Fördermittelbeschaffung und WordPress Einträgen verbinden werden. Mendeley wird in Großbritannien bereits von der Politik und weltweit von der Presse gefeiert und verfügt über einflussreiche Fürsprecher wie z. B. Dr. Werner Vogels. Der CEO von Amazon.com und ehemalige Forscher an der Cornell Universität wird auf der Website mit den Worten zitiert, dass er "davon überzeugt ist, dass Mendeley das Erscheinungsbild der Wissenschaft verändern wird".

Die New York Times titelte: "Mendeley öffnet die Tür zu wissenschaftlichen Daten." Was die Anwender sagen, ist auf Twitter nachzulesen. Aber dafür brauche man Zeit: Innerhalb von nur 24 Monaten hat Mendeley 700.000 Anwender gewonnen, die nicht nur aus renommierten Universitäten wie Stanford, Cambridge, Oxford, Berkeley, Sao Paulo, Aachen und München kommen, sondern auch von Wissenschaftsgesellschaften und Forschungsinstituten. Auch die MPG gehört dazu, die ja, wie bereits erwähnt, auch selbst seit geraumer Zeit an der Entwicklung und Einführung von eScience- und eResearch Arbeitsumgebungen für ihre Institute arbeitet. Sie wurden in Berlin von Dr. Malte Dreyer, Projektleiter eSciDoc bei der Max Planck Digital Library (MPDL) vorgestellt. Über Mendeley waren im Dezember 2010 bereits mehr als 58 Millionen wissenschaftliche Artikel im Web. Die Nutzung der Plattform und der Software ist kostenlos. Wie es auf der Website heißt wird es auch "... immer eine kostenlose Version geben". Doch es sei "...jederzeit möglich, die freie Version gegen eine moderate Gebühr auf unsere Premiumausführungen mit vielen zusätzlichen Funktionen aufzustocken". Für die Nutzung von Mendeley ist eine Registrierung erforderlich. http://www.mendeley.com

Mobile academic publishing steht vor der Haustür

Stellte den Standardbrowser WebKit für mobiles Computing vor: Kevin Cohn, Vice president of Operations, Atypon, Santa Clara.

Der dritte Vortrag im Block Innovationen kam von Kevin Cohn, Vice President Operations bei Atypon, Santa Clara. Die Firma entwickelt nach eigenen Angaben neue Standards für Übermittlung, Auffinden und finanzielle Verwertung von digitalem Content. Auf der Berliner Konferenz stellte Cohn WebKit als Sprungbrett für Dienstleistungen rund um Wissenschaftsinformation und Publikation im mobilen Zeitalter vor. WebKit ist ein OpenSource-Webbrowser für Mobilkommunikation, den Apple, RIM, Google und andere Anbieter gemeinsam entwickelt haben, um einen Standard für mobiles wissenschaftliches Computing zu setzen. WebKit wird für Safari, den mobilen Browser von Apple, von Google für den Chrome-Browser und, wie Cohn sagte, "jedem modernen Smartphone" benutzt. Einzig Microsoft tanzt aus der Reihe. Cohn stellte die Bemühungen um Standards vor und machte dabei deutlich, dass mobiles wissenschaftliches Publizieren noch in den Kinderschuhen steckt. Beobachtet man aber, wie die iPads die Cafés der Studentenstätten erobern, so wird klar, dass die Standardisierungsbemühungen und die Mobilangebote aus dem Konsumentendruck heraus geboren werden: Die Nachfrage wächst so rasant, dass die Anbieter kaum hinterherkommen. Mobiles wissenschaftliches Publizieren steht vor der Haustür.

Wissenschaftler organisieren Begutachtungsprozess selbst

Trotz aller Veränderungen im wissenschaftlichen Publikationsprozess bleibt die Begutachtung wissenschaftlicher Aufsätze durch ebenbürtige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, das Peer Review, der entscheidende Faktor der Qualitätssicherung. Aber die Art und Weise, wie Peer Review organisiert wird, verändert sich. Die Wissenschaftler wollen mehr Transparenz im Begutachtungsprozess. Zudem verlangen sie neue Verfahrensweisen, die geeignet sind, die zeitlichen Verzögerungen durch das Peer Review zu beheben, das trotz der Digitalisierung zu einem immer größeren Engpass wird. Dies liegt, so erklärte es Dr. Bernd Pulverer, Head of Scientific Publications bei der European Molecular Biology Organization (EMBO) und Chefredakteur (Chief Editor) des EMBO-Journals in seinem Vortrag auf der APE 2011

  1. am exponentiell ansteigenden Aufkommen wissenschaftlicher Literatur,

  2. an der Globalisierung der Forschung mit vielen neuen Forschungszentren (z.B. China),

  3. an der hochspezialisierten Forschung, für die es nur wenige qualifizierten Gutachter gibt,

  4. an der größeren Anfälligkeit für Verzögerungen durch Termindruck im Forschungswettlauf,

  5. mehr Wettbewerb und

  6. immer weniger unabhängigen Experten, die als Gutachter in Frage kommen.

EMBO hat 2009 für seine Zeitschrift einen transparenten, elektronisch einsehbaren Peer-Review-Prozess eingeführt, der auf Web 2.0-Technologien basiert. Die Software erlaubt Einsichten in den Diskurs und die Kommunikation mit den Autoren, die Dokumentation der Gutachterberichte, die Kommunikation mit dem Verlag und hilft der Redaktion bei der Terminkoordination und unterstützt ihre Arbeit durch statistische Auswertungen. Nach zweijähriger Erfahrung fällt die Bilanz von EMBO folgendermaßen aus: 5,3 Prozent der Autoren sind abgesprungen, aber die Anzahl wird geringer. Einige Autoren haben grundsätzliche "philosophische" Einwände. Es gab keine Qualitätsunterschiede in den Reviews und die Rate der angenommenen Beiträge blieb unverändert. Seit September 2010 wird das neue Peer-Review-Verfahren für alle EMBO-Publikationen eingeführt.

Eine revolutionäre Empfehlung: "Nicht drucken, sondern ins Netz stellen"

Während EMBO eine Web 2.0-Technologie nutzt, um den traditionellen Peer-Review-Prozess zu beschleunigen und transparenter zu gestalten, treibt eine europäische Gruppe von Informations- und Publikationsforschern aus Wissenschaft und Verlagswirtschaft einen radikalen Wandel im Peer-Review- und Publikationsprozess voran. Mit finanzieller Unterstützung durch die EU und unter Koordination des Department of Information Engineering der University of Trento in Italien hat die Gruppe "ein komplett neuartiges Verteilungsmodell und eine Website entwickelt, auf der sich wissenschaftliche Kommunikation und Social Web treffen", berichtete Maurizio Marchese, Mitglied der Forschungsgruppe am Department of Information Engineering und Computer Science an der Universität von Trento, Itallien in seinem Vortrag. Die Wissenschaftler nennen es "Publikationsverflüssigung". Sie soll helfen, "über das zu stolpern, was man braucht". Die Gruppe rät Wissenschaftlern, ihre Beiträge nicht mehr bei Verlagen für die Publikation in einer Zeitschrift einzureichen, sondern sie auf der LiquidPub Website zu veröffentlichen. Die Information einschließlich Primärdaten, Präsentationsfolien und anderen Präsentationmitteln stünden dann im Web bereit, um "von interessierten Lesern entdeckt zu werden". Um die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten zu bewerten, wollen die Entwickler beobachten, wie die Nutzer mit den bereitgestellten Artikeln umgehen. Dahinter steckt der Gedanke, durch Nutzungsanalyse herauszufinden, welche Artikel und Quellen von der wissenschaftlichen Community als interessant eingestuft werden. Aus der Analyse von Zugriffszahlen und Nutzerverhalten will die Forschungsgruppe die Grundlagen gewinnen, um die wissenschaftlichen Arbeiten entsprechend ihrer Bedeutung in eine Rangreihenfolge bringen zu können und ein Empfehlungssystem aufzubauen. Für diese Auswertungen wurden neue Methoden und Metriken entwickelt.

Nutzungsanalysen sollen das Zitationsranking ersetzen

Der neue Ansatz, wissenschaftliche Aufsätze ohne Peer Review ins Netz zu stellen und dann das Verhalten der Leser zu analysieren, soll nach der Idee der Gruppe das traditionelle Peer Review-Verfahren ersetzen. Außerdem hoffen sie, durch das Nutzungsranking die heute übliche Ranglistenerstellung anhand der Häufigkeit von Zitierungen eines Artikels abzulösen. Mit ihrem Ansatz will die Gruppe "das soziale Netzwerk der Wissenschaft in das Umfeld der sozialen Medien überführen", um "ein System der Wissensverbreitung zu etablieren, das besser ins Web 2.0-Zeitalter passt" und, wie Marchese weiter ausführte, "ja, auch, um zu überwinden, worüber sich Wissenschaftler heute in Bezug auf den Peer Review Prozess und die Bewertung wissenschaftlicher Leistungen beklagen, zum Beispiel die Zahlenspiele, zu viel Schreiben, zu viel Reviewing, nicht prüfbare Fairness, undurchsichtige Auswahlmethoden und Qualitätsbewertung und vieles mehr". Marchese unterstrich ganz besonders, dass Liquid Publication im Gegensatz zum bestehenden Publikationsmodell den Blick auf die von der Wissenschaft veröffentlichten Inhalte freigibt. Liquid Publication läuft bereits als Prototyp unter http://liquidpub.org/. Ein Beitrag über die Forschungsarbeiten wurde im Dezember 2010 veröffentlicht3.

DataCite - ein internationaler Bibliotheksservice für Daten aus der Forschung

Ertrinken oder schwimmen in der Datensintflut? Moderiert von Robert M. Campell (l.), Senior Publisher von Wiley Blackwell in Oxford, wurden Lösungsansätze zur Bewältigung des Datenaufkommens in der Wissenschaft vorgestellt. Dr. Malte Dreyer (m.), Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung der Max Planck Digital Library in München, berichtet über die eSciDoc eResearch Infrastruktur, hier im Gespräch mit Konferenzorganisator Arnoud de Kemp.


Wie geht man mit der steigenden Menge an Forschungsdaten um? Moderiert von Robert M. Campell (am Rednerpult), Senior Publisher von Wiley Blackwell in Oxford, wurden in der Konferenzsitzung "Die Datensintflut: Ertrinken oder schwimmen?" Lösungsansätze zur Bewältigung des Datenaufkommens in der Wissenschaft vorgestellt und von den Vortragenden abschließend auf dem Panel diskutiert. (v.l.n.r.): Dr. Jan Brase, TIB, Dr Eefke Smit, STM, Dr. Malte Dreyer , MPDL, Herbert Gruttemeier, Past President ICSTI.

Um einem wissenschaftlichen Beitrag weiterführendes Material und Primärdatensätze eindeutig zuordnen zu können, haben Nationalbibliotheken in Deutschland, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten DataCite, eine globale Agentur zur Registrierung von Forschungsdaten, ins Leben gerufen. DataCite, so der Name der Kooperationen, wollen damit "den Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsdaten im Internet vereinfachen und ihre Akzeptanz erhöhen". Um aus Datensätzen "seriöse, zitierfähige Beiträge zu wissenschaftlichen Beiträgen" zu machen, werden sie durch Digital Object Identifiers (DOIs) eindeutig gekennzeichnet, wie Dr. Jan Brase vor der Deutschen Technischen Informationsbibliothek (TIB) erklärte. DOIs werden von Anfang an eingesetzt. Weitere Registrier- und Identifikationssysteme sind aber nicht ausgeschlossen, betonte Brase.

eSciDoc wird mit
DOI-Registrierungs-Interface kombiniert

Das DataCite-Konsortium lädt Bibliotheken und Organisationen aus allen Ländern zur Teilnahme ein. Innerhalb eines Jahres haben sich 15 Mitglieder aus zehn Ländern angeschlossen, darunter namhafte Zentral- und Universitätsbibliotheken. Über eine Million Beiträge sind bereits registriert und mit DOIs versehen. Für Sommer 2011 ist eine zentrale Metadatenbank angekündigt. Um Daten und Artikel nachschlagen zu können, ist eine Kooperation mit CrossRef geplant. Verhandlungen mit Verlagen laufen. http://datacite.org

DataCite kooperiert außerdem mit FIZ Karlsruhe, dem Institut für Informationsinfrastruktur der Leibniz-Gemeinschaft, der 87 Forschungseinrichtungen als Mitglieder angehören. Gemeinsam wollen sie bis 2015 das von der TIB, FIZ Karlsruhe, FIZ Chemie und FIZ Technik entwickelte Portal GetInfo in die ebenfalls gemeinsam entwickelte eSciDoc Software einbringen und mit DataCite verbinden, um so eine zentrale Anlaufstelle zu den Forschungsdaten und Aufsätzen anbieten zu können. Ursprünglich wurde GetInfo als Zugang zu Forschungsliteratur mit angeflanschtem Dokumentenliefersystem entwickelt.

Wissen ist Eigentum. Wissen ist Macht. Und Wissen ist Geld.

Auch wenn das jetzt alles sehr danach klingt, als würde die Wissenschaft ihr Informations- und Kommunikationssystem in Zukunft alleine organisieren, wird es auch weiterhin ein Leben für Verlage geben. Denn das Verlagsgeschäft ist mehr als nur Aufsätze und Datensätze einzusammeln und elektronisch bereitzustellen. Außerdem sind es nicht nur Aufsätze, die veröffentlicht werden müssen, sondern auch Bücher, Tagungsbände, eLearning Materialien zum Lehren und Lernen, Audio- und Video-Medien. Und es gibt auch nicht nur eine wissenschaftliche Disziplin, sondern eine große Vielfalt verschiedener Fachgebiete und Fachrichtungen, die alle ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse haben. Aber was im Endeffekt den wirklich gravierenden Unterschied ausmacht zwischen der Welt eines basisdemokratischen Zugangs zu wissenschaftlicher Information und dem traditionellen Verlagswesen kann man auf der Webseite von Springer Science + Business Media nachlesen: Your research. Your rights. - Ihre Forschung. Ihre Rechte. - bringt Springer auf den Punkt, dass Wissen Eigentum ist. Und Macht. Und Geld. Und daran wird sich so lange nichts ändern, solange die Marktwirtschaft das Weltgeschehen regelt.

Sie kennen China und seine Verlagslandschaft (v.r.n.l.): Stephen Bourne, Chief Executive, Cambridge University Press, Dr. Anke Bach, Senior VP Publishing von de Gruyter Berlin, und Matthias Kaun, Leiter der Ostasien-Abteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, gaben im Konferenzblock "Going Out! International Chinese Publishing" einen eindrucksvollen Einblick, wie man beim Publizieren erfolgreich mit China kooperieren kann. Der Konferenzblock wurde von Dr. Matthias Wahls, m.w. publishing consultancy, Den Haag, moderiert, der auch selbst spannendes Wissen über den ostasiatischen Wirtschaftsraum beitrug.


Seit zehn Jahren Publizieren mit umgekehrtem Bezahlmodell: Dr. Mark Patterson, Direktor für Publishing bei PLoS (Public Library of Science), stellte in Berlin das Konzept des erfolgreichen Open Access Verlages vor, den Wissenschaftler und Ärzte gegründet haben.

Bezahlmodelle werden umgedreht

Mit dem Internet haben sich die Märkte verändert und sie ändern sich in rasantem Tempo weiter. Aber auch in einer Geschenkökonomie muss irgendwann irgendwer für den Austausch von materiellen und immateriellen Gütern bezahlen. Und dafür werden die Bezahlmodelle einfach nur umgedreht. Statt des Käufers bezahlt der Anbieter beziehungsweise diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass ihre Angebote verbreitet werden. Und genau das ist es, was Open Access macht, um die Kosten für Produktion, Vertrieb und Marketing von wissenschaftlichen Publikationen zu decken. PloS (Public Library of Science), eine von Wissenschaftlern und Ärzten gegründete gemeinnützige Organisation, nimmt vom Autor dafür, dass sie seine Arbeit publizieren "einen fairen Preis, der die aktuellen Kosten für die Publikation reflektiert". PLoS bekommt außerdem Mittel von seinen Mitgliedern und Spenden. Die Kosten für die Publikation eines wissenschaftlichen Artikels hängen vom Fachgebiet ab. Sie reichen von 1350,- bis 2900,- US Dollar. Mitglieder bekommen Rabatte. Autoren, die keine Mittel haben, um die Submissionskosten zu tragen, kann die Gebühr ganz oder teilweise erlassen werden, erklärte Dr. Mark Patterson, Direktor für Publishing bei PLoS. Die Organisation wurde im Jahr 2000 gegründet und hat sich zu einem erfolgreichen Anbieter wissenschaftlicher Information entwickelt. Die Journale haben bereits einen ernstzunehmenden Einflussfaktor (Impact factor) gewonnen.

Mixed Models Publishers:
Springer überlässt dem Autor die Wahl

Das umgedrehte Bezahlmodell eignet sich für traditionelle Verlage genau so gut wie für Open Access Anbieter. Auch wenn die Verlagsindustrie die neuen Preismodelle nicht mit offenen Armen empfangen hat, so hat auch sie neue Preismodelle entwickelt, die sie zu sogenannten "Mixed Model Publishers" machen. Springer bieten seit einigen Jahren "Authors Choice" an, ein Preismodell, bei dem es dem Autor freigestellt ist, welchen Weg er für seine Publikation wählen möchte. Bezahlt er fürs Publizieren, veröffentlicht der Verlag sie Open Access. Möchte er nicht bezahlen, übernimmt der Verlag die Kosten und bietet den Aufsatz oder das Buch zu dem Preis an, den er für angemessen hält.

Tragfähige Modelle für die Bepreisung von wissenschaftlichen Publikationen zu finden, hat sich zu einer großen Herausforderung entwickelt. Flexible Lösungen sind gefragt, um die Interessen der Autoren, der Verlagshäuser, der Leser und der verschiedenen Disziplinen zu befriedigen. Hier ist die Aufgabe aber noch lange nicht zu Ende. Im wissenschaftlichen Publizieren steckt noch einiges mehr, das in die neue Welt übertragen werden muss, will man die Qualität des bisherigen Systems erhalten. Publizieren ist ein herausforderndes globales Geschäft, das sich nicht nur um das technische Management von Publikationen und Peer Review Prozessen kümmert. Es garantiert Qualitätssicherung, permanente Anpassung des Contents an neue Technologien, an neue Plattformen und neue Nutzeranforderungen, ein permanentes Marketing, um die publizierten Leistungen der Wissenschaft weltweit sichtbar zu machen, konstante Investitionen und ein vitales und nachhaltiges eigenes Interesse, den ständig steigenden Anforderungen gerecht zu werden. In einem weiteren Konferenzvortrag in Berlin machte Eefke Smit deutlich, was das heißt. Sie berichtete, dass das Journal of Neuroscience der Society of Neuroscience ergänzendes Material zu Aufsätzen nicht mehr annimmt. Das Journal wird seit 1996 elektronisch herausgegeben. Nun werden die Autoren gebeten, ihr ergänzendes Material auf einer externen Webseite bereitzustellen und mit einer Fußnote im Artikel darauf hinzuweisen. Auf ihrer Seite im Web erklären die Herausgeber, dass online bereitgestelltes ergänzendes Material anfangs als "nur gewinnbringend" erschien, als es um 2003 erstmals auftauchte, also vor weniger als zehn Jahren. Seither ist die Menge an Materialien, die im Zusammenhang mit typischen wissenschaftlichen Aufsätzen bereitgestellt werden, dramatisch gestiegen und wirkt sich negativ auf den Peer Review Prozess aus. "Es wurde zunehmend klarer, dass mit Ergänzungsmaterialien deutlich höhere Kosten verbunden sind als kalkuliert."

Da draußen auf der Welt gibt es noch mehr Menschen

Verlagshäuser gibt es, seit Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden hat. Aber sie müssen sich anpassen, wenn sie ihr Geschäft auch in Zukunft noch betreiben wollen. Und sie tun es auch. Springer hat angekündigt, in Zukunft wissenschaftliche Informationen auch Endverbrauchern außerhalb der Wissenschaft anzubieten. In einem Interview mit Richard Poynder, das einige Tage nach der APE von password pushdienst zitiert wurde, erklärte Derk Haank, CEO von Springer: "Ich denke an Personen, die keine Wissenschaftler sind, aber bereit sind, geringe Gebühren für von uns gelieferte Informationen zu zahlen. Wir werden weiterhin unsere Produkte an Universitäten und Forschungsinstitute verkaufen bzw. Lizenzen vergeben, aber gleichzeitig würden wir gerne Information an Einzelpersonen verkaufen. (...) Ich weiß nicht, wie Sie dazu stehen, aber ich habe mich schnell mit dem iPad angefreundet. Vielleicht ist das iPad eine Hilfsmittel bei unserem Vorhaben."

China als Expansionsmarkt?

Während sich in den westlichen Ländern das Publikationswesen selbst neu erfinden muss, bietet China mit seiner "Politik der Öffnung" der Verlagsindustrie ungeahnte Möglichkeiten. Im Fall von China sind nicht Wissenschaft und Technologie die Herausforderung, sondern das politische System und die Kultur erfordern Umdenken und umsichtiges Handeln. Wie dies erfolgreich bewerkstelligt werden kann, auch das wurde auf der Konferenz in Berlin in einem separaten Themenkomplex behandelt. Dr. Matthias Wahls von der Beraterfirma m.w. publishing, Den Haag, gab eine beindruckende Einführung in die Politik der Öffnung: "Das Hauptmotiv besteht darin, chinesische Publikationen ins Ausland zu exportieren (...). Daraus ergibt sich die Gelegenheit zu den verschiedensten Kooperationen." Nach Wahls Rede berichteten drei Geschäftsleute, die bereits erfolgreich mit chinesischen Partnern zusammenarbeiten, über ihre Erfahrungen. Dr. Anke Bach von de Gruyter Publishers, Berlin, präsentierte Zahlen und Fakten, die mehr als deutlich belegten, welchen Stellenwert China für Verleger hat. In China gibt es über 1.000 Universitäten mit 20,5 Millionen Studenten. Die Company Commercial Press hat das Xinghua Chinese Dictionary über 300 Millionen Mal verkauft. Seit Ende der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurden an die 90 Millionen Titel verkauft. Rund 600 wissenschaftliche Verleger sind daran interessiert, ihre Bücher in der westlichen Welt zu verkaufen. Natürlich bringt das Wettbewerb. Aber auch Kooperation, und - nicht zu vergessen - auch einen Markt von der Größe eines halben Kontinents.

Faszinierende Vorträge und begeisterte Zuhörer

In seiner Zusammenfassung sagte Herman P. Sprujit, Past Präsident der International Publishers Association IPA, Genf, dass es bereits jetzt viele verschiedene Formen des Publizierens gibt und Artikel in Zukunft eine andere Rolle spielen werden. "Wenn die ideale Arbeitsumgebung eine Open Source-Lösung ist, dann müssen sich die Verleger die Frage stellen' wie sie kooperieren können", stellte Sprujit fest. Er empfahl Verlagen, sich den traditionellen Peer-Review-Prozess genauer anzuschauen und ihn "nicht länger als ehernes Gesetz" hinzunehmen. Sprujit wies auch darauf hin, dass "offenbar niemand die Strategie der Zeitschriften in Frage stellt. Ich weiß noch gut, wie wir uns vor wenigen Jahren fragten, ob die Zeitschriften eine Überlebenschance hätten". Dennoch hätten "die Verleger eine Menge zu tun. Wir sind noch im Experimentierstadium", stellte er abschließend fest.

Die faszinierenden Beiträge der APE 2011 erhielten viel Applaus von den Konferenzteilnehmern.

Die APE 2011 wurde von River Valley TV aufgezeichnet. Die Vorträge werden in den nächsten Wochen online verfügbar sein unter www.ape2011.eu

Die APE 2012 wird am 24. und 25. Januar in Berlin stattfinden, zwei Wochen später als die diesjährige Konferenz. Vorgeschaltet ist ein Pre-Conference Day mit einem Ausbildungs- und Trainingsprogramm, speziell ausgerichtet auf den Nachwuchs in der Verlagsbranche.



Konferenzvideos

www.ape2011.eu

http://river-valley.tv/conferences/ape-2011



Anmerkungen

1 SOAP - Study of Open Access Publishing - What publishers offer, What researchers want, March 2009 - Februar 2011, done by BMC, CERN, MPDL, SAGE, Springer and STFC, funded by the EU http://project-soap.eu

2 scientific, technical and medical publishing

3 Marcos Baez, Aliaksandr Birukou, Fabio Casati, Maurizio Marchese, "Addressing Information Overload in the Scientific Community", IEEE Internet Computing, vol. 14, nr. 6, pp. 31-38, Nov./Dec.2010.



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