28. Mai 2016

– 31. Januar 2015 –

Der Horizon Report 2014 – Edition Bibliotheken
als Bonusmaterial für b.i.t.online Leser

Rudolf Mumenthaler

Seit 2004 beschreibt die international viel beachtete Reihe NMC Horizon Report1 Trends, Herausforderungen und wichtige technologische Entwicklungen, von denen Expertinnen und Experten glauben, dass sie das Lehren, Lernen, die Bildung und die Forschung in den nächsten fünf Jahren beeinflussen werden. Rudolf Mumenthaler, Professor für Bibliothekswissenschaft an der HTW Chur2, arbeitet seit 2012 am NMC Horizon Report Higher Education3 mit. Im Sommer 2014 erschien nun zum ersten Mal ein NMC Horizon Report – Library Edition4. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt des NMC, der TIB Hannover, der ETH-Bibliothek Zürich und der HTW Chur in Zusammenarbeit mit 41 weiteren Expertinnen und Experten. Seit Jahresende gibt es ihn als „Edition Bibliotheken” in deutscher Fassung elektronisch zum Herunterladen5 – und nun auch gedruckt als Beilage zur aktuellen Ausgabe 1 / 2015 von b.i.t.online. (Download hier.)

Rudolf Mumenthaler beleuchtet für b.i.t.online den Report und seine Entstehung.

Das New Media Consortium (NMC)

2002 gründeten amerikanische Universitäten das New Media Consortium, kurz NMC, um die Erkundung und den Gebrauch neuer Medien und Technologien in der Lehre sowie für den kreativen Ausdruck voranzubringen. Mittlerweile beteiligen sich weltweit hunderte führender Universitäten, Hochschulen, Museen und Forschungseinrichtungen an der NMC Community. In enger Zusammenarbeit mit international besetzten Expertenbeiräten publiziert NMC die anerkannten Trendreports NMC Horizon Report mit unterschiedlichen Schwerpunkten im Bereich Bildung und Ausbildung. Die Untersuchungen und Diskussionen zum bearbeiteten Thema werden federführend von einem Team sogenannter Co-Principal Investigators durchgeführt. Diesem Team gehören mindestens ein NMC-Mitglied und mehrere Experten aus verschiedenen Ländern an. Die abschließende Arbeit übernimmt die Redaktion des NMC.

Alle NMC Horizon Reports sind Open Access unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, also frei zugänglich und innerhalb der dort definierten Regeln weiterverwendbar.

http://www.nmc.org/

Was heißt es für die Bibliothek XY, wenn das Forschungsdatenmanagement immer wichtiger wird? Welchen Stellenwert nehmen Forschungsdaten an der eigenen Hochschule ein? Verfügt die Bibliothek bereits über die Fähigkeiten und die Bereitschaft, in diesem Bereich eine aktive Rolle zu übernehmen? Welche Dienstleistungen können in diesem Bereich erbracht werden? Worin besteht der Handlungsbedarf?

Der NMC Horizon Report 2014 – Edition Bibliotheken bietet für diese und viele weitere durch neue Technologien, Trends und Entwicklungen notwendig gewordene strategischen Erörterungen eine solide Grundlage. Er identifiziert, analysiert, beschreibt und bewertet Trends und Technologien und benennt die Herausforderungen, denen sich wissenschaftliche Bibliotheken heute und in den nächsten fünf Jahren stellen müssen. Der Expertenbeirat hat 18 Themen bestimmt, die sich sehr wahrscheinlich auf die Technologieplanung und Entscheidungsfindung auswirken werden: Sechs Schlüsseltrends, sechs signifikante Herausforderungen und sechs wichtige technologische Entwicklungen. Diese sind im Report jeweils mit einem voraussichtlichen Zeitraum ihres Auftretens angegeben. Trends sind in kurzfristige (1-2 Jahre), mittelfristige (3-5) und langfristige Trends (5+) eingeteilt. Den technologischen Entwicklungen ist ein Zeithorizont bis zu ihrer Anwendung in drei Stufen zugeordnet: ein Jahr oder weniger, 2-3 Jahre und 4-5 Jahre. Die Herausforderungen sind eingeteilt in lösbare, schwierige und komplexe. Dazu später mehr.

Nicht jedes Thema muss verfolgt werden, der Transfer ist wichtig

Die veröffentlichten Aussagen geben einen Konsens der beteiligten internationalen Expertinnen und Experten wieder. Die Bedeutung kann jedoch in einzelnen Regionen oder an einzelnen Hochschulen durchaus unterschiedlich gewichtet werden. Insofern bedeuten die im Report als relevant eingestuften Trends und Technologien nicht, dass unbedingt jedes Thema von jeder Bibliothek aktiv verfolgt werden muss.

Die Liste der favorisierten Themen ist spannend und bestätigt verschiedene andere Trendstudien. Aber sie ist nicht die Lösung, sondern der Aufhänger für die in einer nächsten Phase notwendige Aufbereitung und Adaption durch die einzelnen Bibliotheken, Bibliotheksverbünde und Communities. So können sich die Beteiligten nun fragen, welche Bedeutung ihre Bibliothek den jeweilig aufgeführten Themen beimisst. Jede einzelne Bibliothek soll hier eigene Akzente setzen – und kann bei der Lösung natürlich auch mit Partnern zusammenarbeiten. Wir erachten diesen Transfer für unbedingt notwendig und fruchtbar. Er war es bisher in allen Fällen, die ich begleitet oder wahrgenommen habe.

Die Entstehung des Horizon Reports – Library Edition

Nachdem Larry Johnson, der Gründer und Hauptverantwortliche für die Reports beim NMC die Idee für einen eigenen Report für wissenschaftliche Bibliotheken sehr interessant fand, mussten Partner gefunden werden, die das Vorhaben unterstützen. Mit der ETH-Bibliothek und der TIB Hannover fanden sich zwei große Einrichtungen, die mit der HTW Chur und dem NMC den Horizon Report Library Edition mittrugen.

Als Co-Principal Investigator machten sich Larry Johnson (NMC), Andreas Kirstein (ETH-Bibliothek), Lambert Heller (TIB) und ich (Rudolf Mumenthaler, HTW Chur) an die Arbeit, dabei stets vom Team des NMC maßgeblich unterstützt.

Ein erster Schritt bestand darin, das Expertenpanel zu besetzen. Diese Expertinnen und Experten wurden in den Netzwerken der beteiligten Partner gesucht und zum Teil von Dritten nominiert. Im April 2014 konnten rund 50 Expertinnen und Experten zur Teilnahme an den Diskussionen für den Report eingeladen werden. (Die beteiligten deutschsprachigen Expertinnen und Experten sind auf Seite 47 der deutschen Ausgabe und im Web6 aufgeführt.)

Für die Untersuchungen konnten wir auf die bewährte Methodik und die Tools des NMC zurückgreifen. Gemäß der Delphi-Methode, die bei der Erstellung des Horizon Reports angewandt wird, wurden zunächst in einem öffentlich einsehbaren Wiki mögliche Themen gesammelt und diskutiert. Die Redaktion des NMC um Samantha Adams Becker stellte dazu im Vorfeld relevante Artikel und Studien bereit, die als Grundlage der Diskussionen dienten. Die Themen wurden aufgeteilt nach a) Technologien b) Trends und c) Herausforderungen für wissenschaftliche Bibliotheken in den nächsten fünf Jahren. Die Liste der Technologien (a) war praktisch identisch mit dem Horizon Report Higher Education. Die Trends (b) und Herausforderungen (c) erwiesen sich allerdings als bibliotheksspezifisch und unterscheiden sich klar von denjenigen für die universitäre Lehre und Forschung. Die aufgeführten Themen wurden von den Experten und der Redaktion eingeschätzt, in mehreren Runden diskutiert, abgestimmt und nach einem Punktesystem bewertet. So entstand schließlich die Liste mit jeweils zwei Trends, Technologien und Herausforderungen pro Zeithorizont.

Wichtige Aussagen, die in anderen Trendanalysen fehlen

An dieser Stelle sollen nicht alle Ergebnisse der Analysen und Diskussionen für den Report im Detail besprochen werden. Etwas eingehender betrachten möchte ich die Herausforderungen, wie sie von den Expertinnen und Experten definiert wurden, da diese in anderen Trendanalysen nicht berücksichtigt werden. Der Horizon Report befasst sich seit wenigen Jahren eben nicht mehr nur mit neuen Technologien, sondern auch mit besonderen Herausforderungen. Diese werden in die Rubriken „lösbare Herausforderungen“, „Herausforderungen, deren Lösungen bekannt sind“ und „verzwickte Herausforderungen“ („wicked challenges“) eingeteilt, deren Lösung noch unbekannt ist. Der Horizon Report 2014 – Library Edition gibt die Bewertung wie folgt wieder:

  • Lösbare Herausforderungen:
    • Die Integration der Bibliotheken in die Curricula der Universitäten
    • Neue Aufgaben und Rollen für Bibliothekare

  • Herausforderungen, deren Lösungen bekannt sind:
    • Die Erfassung und Archivierung des digitalen Outputs von Forschung
    • Die Entwicklung und Anwendung alternativer Suchtechnologien

  • Komplexe Herausforderungen, deren Lösung noch unbekannt ist:
    • Die Notwendigkeit zu radikalem Wandel aufgrund technologischer und gesellschaftlicher Umbrüche
    • Die zunehmende bibliotheksübergreifende Interoperabilität und Zusammenarbeit in Projekten

Hier finden sich also einige Knacknüsse, welche die Bibliotheken in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen dürften. In diesem Bereich versteht sich der Horizon Report als eine Art Frühwarnsystem, das auf Themen aufmerksam macht, mit denen sich die Bibliotheken aktiv beschäftigen sollten.

Rasche globale Verbreitung

Der Horizon Report – Library Edition hat international großes Interesse ausgelöst. Laut Aussage von Larry Johnson hat er alle bisher veröffentlichten Horizon Reports um Längen überflügelt. Von August bis Dezember 2014 wurde die englische Fassung 1.35 Millionen Mal heruntergeladen. An der Spitze der Länder stehen USA, Australien, UK und Kanada, doch danach folgen schon Deutschland und die Schweiz. Das zeigt zum einen das große Interesse der Community an den im Report behandelten Fragen, zum anderen wohl auch das hohe Problembewusstsein und die Bereitschaft sich mit den künftigen Herausforderungen zu befassen. Die schnelle und flächendeckende Verbreitung spricht zudem für den hohen Grad der Vernetzung der internationalen Bibliothekscommunity über soziale Netzwerke.

Die Edition Bibliotheken beseitigt die Sprachhürde

Nicht für jeden ist die englische Sprache, zumal wenn Trends, neue Technologien und Zukunftsvorhersagen behandelt werden, leicht verständlich. Alleine schon die englischen Überschriften sind mehr als herausfordernd. Ich denke da an „the evolving nature of the scholarly record“ oder an „competition from alternative avenues of discovery“. Deshalb fand der Vorschlag der TIB, den Bericht ins Deutsche zu übersetzen, einhellige Zustimmung unter den Projektpartnern.

Seit Jahresende 2014 ist nun also die deutsche Ausgabe – der Horizon Report 2014 Edition Bibliotheken – elektronisch veröffentlicht. Um es interessierten Leserinnen und Lesern noch leichter zu machen, die Ergebnisse in Ruhe zu studieren, liegt die deutsche Fassung nun auch in gedruckter Form als Beilage zu diesem Heft vor. An dieser Stelle sei den Projektpartnern und b.i.t.online recht herzlich gedankt. Neben der englischen und der deutschen Fassung gibt es übrigens auch eine chinesische Ausgabe – nur falls jemand Interesse hat.

Wenn Sie die gedruckte Fassung in den Händen halten, wird im Hintergrund bereits der nächste Horizon Report Library Edition geplant. Ich gehe davon aus, dass die lebhaften Diskussionen auf Tagungen und in Workshops, die seit Erscheinen des ersten Berichts geführt wurden, die nächste Ausgabe sehr befruchten werden. Sie dürfen also gespannt sein – sich aber zunächst natürlich ausgiebig den Ergebnissen der ersten Ausgabe widmen. Dazu wünsche ich Ihnen im Namen der Herausgeber und Partner viel Vergnügen und erhellende Erkenntnisse.

 


Anmerkungen

1. http://www.nmc.org/nmc-horizon/

2. http://www.htwchur.ch/informationswissenschaft/forschung-und-dienstleistung/team/dozierende/rudolf-mumenthaler.html

3. http://redarchive.nmc.org/publications/horizon-report-2012-higher-ed-edition

4. http://www.nmc.org/publication/nmc-horizon-report-2014-library-edition/

5. http://blogs.tib.eu/wp/horizon/ (DOI: 10.2314/HorizonBib2014)

6. http://blogs.tib.eu/wp/horizon/experten/