25. September 2021

APE 2021: Das neue Vertrauen

Die 16. Academic Publishing in Europe (APE 2021) zum Thema
„The New Face of Trust“ aus Berlin im Netz, 12. und 13. Januar 2021

Elgin Helen Jakisch

Die 16. APE-Konferenz – erstmals online veranstaltet – kündete im Titel vom gegenseitigen Vertrauen gegenüber bekannten Partnern in der Wissenschaftskommunikation, welches man, nachdem die Open-Access-Transformation eingeleitet ist, neu entdeckt. Das Leitthema wurde vielfach aufgegriffen, vor allem im Hinblick auf Vertrauen in Wissenschaft und Forschung, somit in die Daten und die verlegerische Praxis. Darüber hinaus wurden Auswirkungen des durch die Pandemie erhöhten Preprintaufkommens diskutiert sowie konkrete Open-Science-Praktiken. Wie bereits im vorigen Jahr angedeutet, nahm das Programmkomitee den Dialog zwischen Forschenden und Verlagen stärker in den Blick. Der APE per Livestream zu folgen, war von vielen technischen Problemen begleitet, was eine nahtlose Berichterstattung erschwerte und das Vertrauen in die Technik sowie die Geduld auf die Probe stellte.

Nach dem etwas verzögerten Start des ersten Konferenztages bedingt durch technische Probleme begrüßte Prof. Dr. Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die Zugeschalteten. Der Historiker bedauerte, die Konferenz nicht wie üblich in den Räumen der Akademie am Gendarmenmarkt durchführen zu können. Er sprach vom so wichtigen Vertrauensverhältnis von Autoren und Verlagen, die das Fundament eines Netzwerkes von guten Beziehungen darstellten. Er blickte auf die Geschichte der Berlin-Brandenburgischen Akademie zurück und nannte Beispiele von mutiger Haltung in schwierigen Zeiten. 1933 hatte die Akademie bei ihrer letzten Preisverleihung einen Drucker und Publizisten für ihre Unabhängigkeit ausgezeichnet. Diese Haltung bräuchte es auch heute. Die Wissenschaft benötige akademische Freiheit und Verlage, die diese verteidigten.

Wie kann Wissenschaft zur Resilienz beitragen?

Aus Sicht von Prof. Dr. Dorothea Wagner solle die Basis für die Wissenschaften offen und autonom sein. Als Vorsitzende im Wissenschaftsrat sprach sie in ihrer Keynote von COVID-19 als möglichem Game Changer, einem Treiber von Veränderungen. Hand in Hand gingen derzeit Entscheidungen von Politik und Wissenschaft. Gesellschaft und Wissenschaft könnten derzeit viel lernen, auch aus Schwächen, die aufgrund der Ausnahmesituation zutage träten. „Komplexe Gesellschaften sind verwundbar“, sagte die Informatikerin mit Blick auf die Tatsache, dass man augenblicklich damit leben müsse, wenig voraussagen zu können. Sie fragte sich, wie Wissenschaft zur Resilienz einer Gesellschaft beitragen könne. „Vertrauen ist essenziell, wenn sich Fakten im Handeln wandeln.“ Dazu bräuchte es einen Konsens in der Gesellschaft. Ein Grund für sinkendes Vertrauen in die Forschung könne die Annahme sein, dass Wissenschaftler/-innen nicht unabhängig agierten. „Die Abhängigkeit von Trägern scheint dem Ideal der Wissenschaft zu widersprechen.“

„Open Access kann eine Transformation zum
Nutzen aller darstellen“.

(Prof. Dr. Dorothea Wagner, Wissenschaftsrat)

Hier kämen die Verlage ins Spiel. Durch Veröffentlichungen hätten Ergebnisse einen Impact auf die Gesellschaft, quasi als Maßstab für Expertise. Ergebnisse würden zitierfähig. Veröffentlichungen müssten deshalb vertrauenswürdig sein, so Wagner. Sie vermutete, dass der Open-Science-Gedanke durch die Pandemie einen Schub bekommen werde. Voraussetzung sei, dass wissenschaftliches Handeln von Gemeinwohlinteressen getrieben sei. Open Access könne eine Transformation zum Nutzen aller darstellen. Ein entstehendes neues Ökosystem könne neues Vertrauen schaffen, weil Profitinteressen nicht im Vordergrund stünden. Auf die Frage des Moderators Dr. Georg W. Botz, Open-Access-Koordinator bei der Max-Planck-Gesellschaft, an die Informatikerin nach mehr Transparenz bei Algorithmen, antwortete Wagner, dass dies ein gutes Beispiel für mehr Nachholbedarf an Transparenz in der Öffentlichkeit sei. Hier klafften gute Beispiele aus der Forschung mit einem Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber Künstlicher Intelligenz auseinander. „Journalisten sollten hier besser vermitteln, denn was darüber in der Presse zu lesen ist, ist oftmals nicht hilfreich.“

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Open Science demokratisiert das Wissen

In einer weiteren Keynote nahm Frank Vrancken Peeters, CEO von Springer Nature, Partnerschaften in den Blick, die Open Science voranbringen könnten. „Der Zugang zu Daten demokratisiert das Wissen“, war seine Erkenntnis und Open Science schließe alle Elemente der Wissenschaft mit ein. Peeters nahm das Phänomen der Zunahme von Preprints während der Coronakrise zum Anlass und kündigte Veränderungen bei Springer Richtung Open Science an. Mit einem Anteil von 35% OA-Artikeln unter einer CC-By-Lizenz sei man dabei, weitere Titel zu transformieren. Peeters befürwortete Kooperationen zwischen IT, Trägern, Bibliotheken und Verlagen, denn Open Access sei fundamental wichtig im Open-Science-Prozess und der Demokratisierung des Wissens. Auch die Transformationsverträge hätten neue Partnerschaften hervorgebracht. All dies schaffe mehr Vertrauen, schlug er den Bogen zum APE-Konferenzmotto.

Wird Open Science den Fachaufsatz überflüssig machen?

Ein Panel aus Wissenschaftlern tauschte sich konkret zu neuen Open-Science-Praktiken aus. Es ging dabei um den Grad der Offenheit von öffentlich finanzierten Forschungsdaten und die Frage, wie das Wissen besser digital während des Forschungsprozesses erschlossen werden kann. Dr. David Mellor vom Center for Open Science, Virginia, USA, erläuterte die Policy hinter einem Open-Science-Prozess von der Entwicklung der Idee, über das Studiendesign, hin zur Sammlung von Daten, zur Erstellung eines Reports und zur Veröffentlichung bzw. Vorabeinreichung desselben auf der Plattform Registered Reports1. Dort werden Forschungsergebnisse nach einer einheitlichen Policy vor einem Artikel veröffentlicht. „Die Vorteile des Publizierens von frühen Erkenntnissen liegen auf der Hand“, so der Referent. „Im wissenschaftlichen Sinne sind die Daten nachvollziehbar, transparent, glaubwürdig und erlauben ein frühes Feedback in einem frühen Forschungsstadium.“

„Der finale Artikel blendet negative Forschungsergebnisse aus“.
(Maryann Martone,
University of California)

Maryann Martone (University of California) betonte die FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) von Open Science. Sie schilderte die Auswirkungen auf die frühe Protokollierung von Forschungsmethoden und wie solche Daten auf der Plattform protocols.io2 erfasst werden. „Jedes Protokoll erhält eine DOI und ist zitierfähig. So findet das Publizieren von positiven und negativen Ergebnissen aus der laufenden Forschung mit Hilfe von Open Science ganz neue Wege an die Öffentlichkeit, und nicht erst, wie bisher, über den finalen Artikel, in denen negative Ergebnisse oft ausgeblendet werden“, so die Referentin. Der dritte Referent dieser Session, Scott Fraser (University of Southern California) erläuterte den Prozess der Veröffentlichung eines kompletten Forschungsprozesses.3

In der Diskussion lag der Focus auf einer Verbesserung der Forschungsqualität durch Open Science und einer Konzentration auf die Datenqualität während des gesamten Prozesses, was alle als Vorteil bewerteten. Es käme auf ein gutes Informationsmanagement der Daten im Labor an, sagte Martone. Bisher hielte die IT-Infrastruktur der Labore damit noch nicht Schritt und hier sollten Investitionen von Trägern erfolgen. Anreize zur Dokumentierung der Forschung im Sinne von Open Science könnte das Transparenzversprechen dieser Wissenschaftspraxis erfüllen. Der Artikel als Endprodukt oder Essenz des Forschungsprozesses könnte Konkurrenz erhalten, so das Podium. Neue Datenarchive und -sammlungen, die die Forschung begleiten, würden zunehmen.

Das Jahr der Preprints

Lauren Kane, Präsidentin der Society for Scholarly Publishing, war überzeugt, dass die Pandemie eine enorme Veränderung im Agieren und in der Wahrnehmung von Wissenschaft gezeigt habe. Sie sieht die Wissenschaftskommunikation am Scheideweg. Im Gegenzug dazu verändere sich die Verlagswelt nur langsam, urteilte die Chefstrategin des 2015 gegründeten Netzkonferenzanbieters Morressier in ihrer Keynote. In Bezug auf Open Access seien mittlerweile zwar „alle moralisch dafür, aber technisch praktisch hinten dran“. Dies zeige sich nicht nur bei der Frage, ob die Article Processing Charges (APC) die beste Option oder die beste aller limitierten Optionen sei, denn sie seien für Autor/-innen aus Schwellenländern schlicht zu hoch. Auch nach dem großen DEAL-Vertrag mit Wiley4 müsse man sich heute fragen, ob dieser so transformativ sei wie ursprünglich angenommen.

„2020 war das Jahr der Preprints. Vielleicht etabliert sich ein neuer Trend zu mehr Transparenz und Schnelligkeit bei der Kommunikation“, hofft die Referentin. Der gleichzeitige starke Anstieg an Publikationen zu COVID-19 im Bereich Biomedizin mache eine Reform des Peer Reviews unumgänglich. Schon jetzt gäbe es mehr virtuelle Konferenzen und so einen direkteren und schnelleren Austausch zwischen Forschenden.

Zwei weitere Sessions auf der APE beschäftigten sich mit dem Thema der Vorabveröffentlichungen und dem Ruf nach einem offeneren Peer Review. Ein Panel unter dem Titel „Restoring Trust in Published Research“ diskutierte über mehr Transparenz beim Peer Review und bereits erreichte Verbesserungen im Verlagsbereich. Das Panel, vorwiegend bestehend aus am Veröffentlichungsprozess Beteiligten, war der Ansicht, dass viele Forschende mit den bisherigen Peer-Review-Prozessen zufrieden seien. Anne Scheel, eine junge Forscherin an der Universität Eindhoven, widersprach jedoch und setzte ihre Hoffnungen auf eine Art Crowdsourcing beim Peer Review. Sie war der Meinung, dass ein offenes Peer-Review der Forschung am meisten helfe. Nicht jede durch ein geschlossenes Verfahren ermöglichte Veröffentlichung sei am Ende qualitativ gut. Nur eine frühzeitige Kommentierung könne den wissenschaftlichen Diskurs verbessern. Ein Post-Publication-Review sei da nicht hilfreich.

Auch die Auswirkungen des erhöhten Preprintaufkommens in der Coronakrise wurden diskutiert. Ein Panel am zweiten Tag beschäftigte sich mit dem Dilemma zwischen der Notwendigkeit, Informationen schnell in der Community zu teilen und der Notwendigkeit, eine strikte Evaluierung der Inhalte vorzunehmen. Madgalena Skipper von Nature, Moderatorin der Session, hatte den Eindruck, dass sich das etablierte System des Peer Reviews derzeit zu überholen scheine. Ihre Kollegin Dr. Sowmya Swaminathan ergänzte, dass die Wissenschaft nach mehr Transparenz strebe. Preprints seien ja bereits zitierfähig, was sich auch auf den Peer-Review-Prozess auswirke. Bezahlte Forschung müsse allen zugänglich sein, fand sie.

Mehr Effizienz in der Veröffentlichungspraxis verspricht sich Dr. Thomas Lemberger von EMBO durch die Plattform Review Commons5, auf der Konsortien zusammenarbeiten. Dennoch sei Peer Review ein unersetzliches Qualitätsmerkmal von wissenschaftlichen Zeitschriften. Durch die in der Coronakrise gemachten Erfahrungen werde man die Forschung insgesamt besser unterstützen können, waren sich die Diskutanten einig. Die Preprint-Praxis wachse bei allen Disziplinen. Verlage sollten generell frühere Zugriffe auf Content ermöglichen. Jedoch habe jede Domäne andere Bedürfnisse, schränkte Dr. Theodora Bloom von BMJ den Enthusiasmus wieder ein.

Mehr Kostentransparenz im Veröffentlichungsprozess

„Zu den ‚Paywalls to read‘ sollten keine ‚paywalls to publish‘ hinzukommen“.
(Dr. Shina Caroline Lynn Karmelin, Universität Uppsala)

Dr. Shina Caroline Lynn Karmelin von der Universität Uppsala erläuterte, dass Forschende immer noch wenig Verständnis für die OA-Modelle und den Veröffentlichungsprozess mitbrächten und sich bei der Entscheidung für ein Journal immer noch traditionell an der Reputation des Titels orientierten. Das in Plan S der EU6 angekündigte Ideal der Freiheit, wo und wie man als Autor/-in OA publiziere, sei zudem noch nicht umgesetzt. Vielfach rücke die Finanzierungsfrage in den Vordergrund, also wie viel Geld die eigene Institution aufbringen könne, so dass sich Gräben auftäten zwischen den Forschenden, denen mehr Geld für das Veröffentlichen zur Verfügung stünde als anderen. Das sorge, so Karmelin, nicht gerade für Nachhaltigkeit und Diversität. Zusätzlich zu den „Paywalls to read“ sollten keine weiteren „paywalls to publish“ hinzukommen.

Dabei würden Verlage, so Dr. Bernd Pulverer von EMBO Journals, nach den Kriterien Qualität der mitgelieferten Daten, inhaltlicher Konsistenz, Bandbreite der Themen, allgemeinem Interesse, Reproduzierbarkeit und dem Stand der Forschung Artikel für die Veröffentlichung selektieren und ihre OA-Geschäftsmodelle ausrichten. Der Verlag EMBO müsse jährlich unter 5.000 Einreichungen 500 Artikel für die Veröffentlichung auswählen und dieser Prozess sei zeitaufwändig. Spezifische Services, zeitintensive Qualitätsprüfungen oder auch ein offenes Peer-Review sowie dafür geeignete Plattformen müssten die Kosten für Open Access insgesamt fair finanzieren.

„Kostentransparenz ist essenziell für Vertrauen in den Veröffentlichungsprozess“
(Alison Mudditt, PLOS)

Alison Mudditt (PLOS) meinte, OA und Plan S hätten zu mehr Transparenz, wofür das Geld verwendet werde, geführt. Es gäbe nun einen offeneren Austausch zwischen Stakeholdern über Veröffentlichungskosten. Verlage müssten dem Wunsch nach einer fairen Kalkulation heutzutage Rechnung tragen. PLOS habe mit Bibliotheken und Konsortien in mehreren Projekten kooperiert, um angemessene Gebühren zu ermitteln. Kostentransparenz, so Mudditt, sei essenziell für Vertrauen in den Veröffentlichungsprozess. Gerade diese Zusammenarbeit habe viel zum gegenseitigen Verständnis beigetragen.

James Butcher von Springer Nature wies auf die Filterfunktion von großen Zeitschriftentiteln für die Wissenschaft hin, immer mit dem Bestreben, die Qualität der Einreichungen zu verbessern. Bei Nature sind die jüngsten Öffnungen hin zu OA durch die Transformationsverträge angestoßen worden, so Butcher. Noch kosten APCs bei Nature um die 9.000 EUR. Das begründete Butcher mit der großen Anzahl an Einreichungen und dem aufwändigen Auswahlprozess durch viele Editoren im Hintergrund in dieser Pilotphase.

Bibliotheken an kollektiver OA-Finanzierung beteiligen

Um Kooperationsmodelle zur Finanzierung von geisteswissenschaftlichen OA-Publikationen ging es in einer Session, die von Dr. Andreas Degkwitz, Direktor der Humboldt-Universitätsbibliothek, und Dr. Manuela Gerlof von De Gruyter moderiert wurde. Zuerst stellte Dr. Kamran Naim (CERN) das Modell Subscribe to Open oder S2O vor. Es handelt sich um kollektive Finanzierungsmodelle als Alternative zur APC, bei denen Bibliotheken oft als Spender mitwirken. Auch Naim bemängelte, dass es insgesamt zu wenige Förderungen von alternativen OA-Modellen gäbe und Entwicklungsländer von der Finanzierung der APC-Modelle ausgeschlossen blieben. Als gelungene kollektive Finanzierungsmodelle nannte er EMS-Press7, einen mathematisch ausgerichteten Verlag, und den Open-Access-Service KnowledgeUnlatched8. Dass Bibliotheken oftmals ihre Budgets festlegen müssten und Gelder nicht als Spenden für ein OA-Publikationsprojekt umwidmen könnten, verhindere einen grundlegenden Wandel. Auch Verlage zeigten sich unflexibel. „Das S2O-Modell ist nachfrageorientiert“, fasste Naim zusammen.

„Für Bibliotheken bleibt wichtig, dass ganze Publikationen Open Access zur Verfügung
stehen“.

(Dirk Pieper,
Universitätsbibliothek
Biefefeld)

Dirk Pieper, (Universitätsbibliothek Bielefeld) stellte die Arbeit des Nationalen OA Kontaktpunkt9 vor, gefördert von der Allianz der Wissenschaften. Hier sei es gelungen, den Wandel der Transformation zu begleiten, Crowdfunding-Modelle für die Geisteswissenschaften und das Veröffentlichen von Büchern zu entwickeln, eine Community aufzubauen und Workshops für alle Beteiligten, auch Verlage und Bibliotheken, zu veranstalten, so Pieper. „Bisher haben 40 teilnehmende Bibliotheken 180 Bücher transformiert.“ Ein S2O-Pilotprojekt ist mit De Gruyter für die Zeitschrift Bibliothek Forschung und Praxis10 gestartet worden. Neue Formen der Zusammenarbeit entstehen mit ENABLE11, einer gemeinschaftlichen Stakeholderinitiative für die Geisteswissenschaften, die nicht nur auf Verlage fokussiert sei. „Für Bibliotheken bleibt wichtig, dass ganze Publikationen OA zur Verfügung stehen, nicht nur einzelne Teile. Das Vertrauen in ein funktionierendes System und Ergebnis ist Bibliotheken beim Wandel wichtig“, betonte Pieper.

Prof. Dr. Andreas Fickers (Universität Luxemburg) stellte ein völlig neues Konzept für eine digitale Zeitschrift vor. Für das Journal of Digital History12 wird versucht, in einem transmedialen Storytelling digitale Diskussionsbeiträge, Quellen, Daten und Design zu kombinieren. Designer/-innen, Verleger/-innen, Entwickler/-innen und Editor/-innen haben in diesem interaktiven Co-Design-Prozess kooperiert. Man sucht noch Autor/-innen, die mitmachen. Im Oktober 2021 werden erste sichtbare Ergebnisse erwartet.

Jetzt schon, so Ros Pyne von Springer Nature, könne man sehen, dass E-Books sich zu multimedialen Apps entwickeln, die eher aus technischen Supplementen als aus totalen Innovationen des Formates bestünden. Die Pandemie hätte eine starke Nachfrage nach E-Books verursacht. Das OAPEN OA Books Toolkit13 sei erfolgreich gestartet und eine innovative Kooperation, lobte Pyne, da es Autor/-innen gezielt bei der Veröffentlichung unterstütze. In der Abschlussdiskussion dieses Panels kam man überein, dass die Pandemie, viele kleine Projekte hervorgebracht habe und die Transformationsverträge den Wandel gestalteten, es aber noch zu früh sei, den Wandel final zu beurteilen. Kooperationen seien ideale Ausgangsbasen, neue Sichtweisen und Kompetenzen zu erwerben.

Open Access und die Schwellenländer

Die APE thematisierte auch die Veröffentlichungspraxis im globalen Süden. Die Entwicklungs- und Schwellenländer veröffentlichen immer noch zu 75% in Abonnementjournalen und nicht Open Access, wie Dr. Haseeb Md. Irfanullah, unabhängiger Berater aus Bangladesch, berichtete. Er vermutete als Ursache dafür sowohl die zu hohen Kosten der APCs für Forschende aus Entwicklungsländern, die die Höhe eines Jahresgehaltes umfassten, als auch die schlechte Reputation staatlicher Forschungseinrichtungen in diesen Weltregionen gegenüber privaten Institutionen oder auch gegenüber der Konkurrenz aus dem globalen Norden. Dr. Uduak Okomo (The Gambia, London School of Hygiene and Tropical Medicine) ergänzte, dass in regionalen OA-Zeitschriften in Afrika oft schneller publiziert werde und nannte als Beispiel das staatlich finanzierte West African Journal of Medicine, ein Titel auf der Plattform AJOL (African Journals Online)14. Er beklagte auch, dass einige Forschende aus diesen Regionen schon auf Machenschaften von Piratenjournalen hereingefallen seien, da fingierte Titel, die mit „British Journal of…“ beginnen, willige Autor/-innen durch die Ähnlichkeit mit einem prestigeträchtigen Titel in die Irre führten. So könnten Forschende aus Schwellenländern schlechter wahrgenommen werden und auch nicht Teil eines Herausgebergremiums, eines Peer-Review-Prozesses und Teil des wissenschaftlichen Austausches werden. Dem stimmte auch Prof. Yap Boum aus Kamerun zu. Afrikanische Autor/-innen hätten mehr Resonanz verdient. Letztlich wirke sich das auch auf das Vertrauen zwischen dem globalen Norden und Süden aus. Hierzu wünschten sich alle Panelteilnehmenden mehr Partnerschaften wissenschaftlicher Organisationen, um eine innovative Zusammenarbeit zum Nutzen aller zu etablieren, nicht zuletzt im Sinne der definierten UN-Nachhaltigkeitsziele.

Können Verlage Einfluss auf die Klimakrise nehmen?

 
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In der Ausgabe 6/2021 (September 2021) lesen Sie u.a.:

  • KI, Expertensysteme und Roboter für die Bibliothek
  • Aus Widersprüchen lernen, um das Konzept der Bibliothek als Ort umzusetzen
  • Virtuelle Lesesäle und Lehrräume
    als neue Zugangsmöglichkeiten
    zu analogen Sammlungen
  • Non-Fungible Tokens (NFTs) als neues Sammelgebiet für Bibliotheken?
  • Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz beim Schreiben von wissenschaftlichen Texten
  • Chancen und Vorteile durch Smart Cities
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Ausgabe 4 / 2021

IM FOKUS
RA Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin:
Wolfgang Kaleck und die konkrete Utopie der Menschenrechte

FOTOGRAFIE
Facettenreich!

IN MEMORIAM
Ré Soupault

ASTRONOMIE
Sonne, Mond, Sterne, Galaxien ...

RECHT
Naturschutz- und Umweltrecht | Arbeitsrecht

uvm

Nach Ansicht von Dr. Lewis Collins (Cell Press) spielen Verlage eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Klimakrise. Die Klimakrise werde auch wie die Coronapandemie globale Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben und zu neuen Formen der Zusammenarbeit zwingen. Zeitschriften spiegelten Veränderungen der Wissenschaften wieder. Verlage hätten die Chance, Barrieren abzubauen zwischen den Disziplinen und Fachleute außerhalb der Forschung einzubinden. Im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele ist die Tendenz an Veröffentlichungen zu dem Thema steigend, jedoch auch hier ungleich auf der Welt verteilt. Zu 75% stammen sie bisher noch aus den Hochlohnländern und nur zu 0,4% aus Niedriglohnländern. Auch hier zeige die Wissenschaft eine Voreingenommenheit, urteilte Collins. Er wünschte sich, dass Verlage sich in puncto Nachhaltigkeit mehr engagierten, ihre Policies und vor allem Zugriffe auf Inhalte vereinheitlichten.

Dr. Joanna Depledge, Klimaforscherin an der Universität Cambridge, urteilte, dass es bei Veröffentlichungen zur Klimakrise zu viele ethische und zu wenig praktische Kommunikation gäbe. Viele Disziplinen seien involviert. Die Klimapolitik sei ein offener Prozess. Alle Beteiligten, auch Verlage, könnten Treiber der Debatte identifizieren und vor allem gute Beiträge an Entscheidungsträger weiterleiten. Denn es sei eine gute Kooperation von Klimaforschung und Politik für die Lösung der Probleme notwendig, sagte sie. Sie wünschte sich, dass Literatur, ähnlich wie bei der Coronakrise, offen zugänglich gemacht werde. Darüber hinaus sollten Sichtweisen der Schwellenländer besser transportiert und übersetzt werden.

Michiel Kolman von der International Publishers Association IPA stellte zusammen mit Sherri Aldis von der UN die Initiative SDG Publishers Compact vor, die auf der Buchmesse 2020 gestartet wurde15. Nach dem Vorbild der IFLA, die das Thema Nachhaltigkeit zu Recht schon früher aufgegriffen und gepusht hatte, so Kolman, erkenne man, dass die Klimakrise ähnlich wie die Pandemie humane, medizinische, soziale und wirtschaftliche Verwerfungen erzeuge. Die Dekade zwischen 2020 und 2030 ruft die IPA zu entsprechenden Aktivitäten aus. Die unterzeichnenden Verlage verpflichten sich, ihre Unternehmenspraktiken der Nachhaltigkeit anzupassen, also mehr virtuell zu konferieren und Reisetätigkeiten einzuschränken, grüner bei den Vertriebsketten zu werden und Kunden, Bibliotheken, Buchhandel und Forschungseinrichtungen kooperativ einzubeziehen.

Neue Plattformen und digitale Services

Yvonne Campfens von OA Switchboard widmete sich zu Beginn des zweiten Konferenztages der Herausforderung, den Überblick über diverse OA-Modelle und die Kostentransparenz zu behalten. Sie stellte das Konzept des OA Switchboards16 vor. Diese zentrale Infoplattform über Infrastrukturen, Standards und vertragliche Aspekte des OA-Publikationsprozesses ist allen Beteiligten öffentlich zugänglich und soll diese zusammenschalten. Dabei handelt es sich um keine Informationsdatenbank, so Campfens, sondern um eine Art Messagingplattform, die Kontakte zu Trägern, Forschungseinrichtungen oder Verlagen unabhängig vermittelt.

Die traditionelle Dotcom-Session der APE stellte gewohnt aktuelle Start-up-Entwicklungen vor, die den digitalen Forschungs-, Publikations- oder Rechercheprozess vereinfachen oder auch mit der Massenproduktion von Informationen fertig werden wollen. Alle vorgestellten Start-ups kooperieren bereits mit Verlagen, Life-Science-Unternehmen oder öffentlichen Institutionen. Das Publikum kürte online per Abstimmung iris.ai17 zum Gewinner, eine NPL-basierte algorithmische Suchmaschine zur besseren Recherche von Publikationen und Patenten unabhängig von Zitationsraten oder Stichworten, dafür mit Hilfe von Mensch-Maschine-Interaktion und mit der Analyse von Kontexten als „Fingerabdruck“ des gesuchten Problems. Hierzu werden auch Abstracts herangezogen.

Ausblicke auf die datenintensive Wissenschaft

Die finale Session der APE, moderiert von Dr. Irina Sens (TIB Hannover), beschäftige sich mit dem Sachstand 2021 des vierten Paradigma, der datengetriebenen Wissenschaft, wie sie Jim Grey von Microsoft 2009 einst prognostiziert hatte. Prof. Claudia Draxl von der HU Berlin ist Materialwissenschaftlerin. Sie hat die Frage beschäftigt, ob sich Datenmüll in Wissen verwandeln lässt. Ihr schwebt ein Tool vor, welches von Beginn des Forschungsprozesses an alle Daten, Grafiken, Statistiken, Zahlen, Ergebnisse u.ä. sammelt, die während eines Forschungsprozesses anfallen, „weil sie zum Gesamtverständnis nützlich sind“. Ein Vorbild könnte die NFDI18, als wichtiger Schritt Richtung Open Science sein. In einem zusammenfassenden wissenschaftlichen Aufsatz ließen sich oft nur die erfolgreichen Ergebnisse unterbringen und diese Sichtweise sei fragmentiert. Aus Fehlversuchen ließe sich jedoch eine Menge lernen.

Dr. James Milne von ACS Publications berichtete, dass Daten das Bedürfnis nach neuen Auswertungsmethoden mit sich brächten. Mehr und mehr Artikel würden mit Datensätzen angereichert, so dass eine Notwendigkeit entstünde, diese auszuwerten. Es sollte mehr Anreize geben, Daten zu teilen, fand er. Die STM-Verlage wollten mit der Ausrufung des „Research Data Year“19 ihre Mitglieder schulen, wie man dies früh im Einreichungsprozess berücksichtigen kann. Inzwischen gäbe es immer mehr Data Policies bei Verlagen, jedoch bräuchte es Infrastrukturen.

Dr. Karel Luyben von der European Open Science Cloud (EOSC) fand, dass sich derzeit alles ändere. Mehr Daten stünden zur Verfügung, mehr Open Access, mehr Open Science. „Die EOSC will dabei ein Netz von nationalen Dateninfrastrukturen schaffen, deren Standards kompatibel sind; einen Metahub.“ Bisher seien eher die größeren Länder in der EU beteiligt. Zunächst solle die Beteiligung durch eine Mitgliedschaft erfolgen, die aber noch nicht rechtlich bindend ist, erklärte er. „Die EOSC soll der öffentlichen Forschung und Industrie dienen und auch Public-Private-Partnerships einschließen.“ Insgesamt erwarte man einen stärkeren Fokus der Forschenden auf Daten und eine Beschleunigung der Prozesse. Irina Sens ergänzte, dass Bibliothekar/-innen ideale Datenstewards werden könnten, da sie Erfahrungen mit Metadaten und der Strukturierung von Informationen mitbrächten und als Assistierende oder Techniker/-innen im Labor mitarbeiten könnten. So schloss die APE 2021 mit Perspektiven Richtung Open Science.

„Next presentation starting soon…“

Die APE, sonst ein Platz für die Verkündung bahnbrechender Neuerungen, blieb diesmal thematisch konsolidiert und an der Veröffentlichungspraxis orientiert. Es gelang, die Vertrauensfrage in der Behandlung der Corona- und Klimakrise mit der konkreten Veröffentlichungspraxis und dem Thema Nachhaltigkeit zu verbinden. Positiv war, dass nicht nur die Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr Raum einnahm, sondern auch Perspektiven aus den Schwellenländern. Die Sicht der Bibliotheken auf aktuelle Entwicklungen spielte diesmal eher eine untergeordnete Rolle.

Die erste APE im Netz war ein Marathonprogramm ohne Pausen und leider vielen technischen Problemen beim Livestream, die Geduld erforderten. Bandbreitenprobleme wurden mit dem Hinweis auf pandemiebedingt vermehrtes Homeschooling in Berlin begründet. Die sonst so lebendige Diskussion mit allen Stakeholdern in einem Raum, die das besondere Flair der APE ausmacht, war digital nicht abgebildet. Es fehlten ein offener Chat und generelle Infos, z.B. über die Anzahl an Zugeschalteten.

Bedauerlich blieb, dass auch die Begrüßung von Arnoud de Kemp, dem Gründer der APE, mittendrin unterbrochen wurde. „Thank you for watching… next presentation starting soon“ wurde von der Veranstalterplattform Morressier20 das ein und andere Mal eingeblendet. Morressier ist ein Startup für die Bündelung von Konferenzinformationen, dem die Übertragung der Tagung ins Netz anvertraut worden war. Es schien, als hätte man das geplante Präsenzformat eins zu eins ins Digitale übertragen. Falls die APE 2022 wieder online veranstaltet werden muss, sollte hinsichtlich der Straffung des Programms, mehr Pausen und Interaktivität nachgebessert werden.

Programm auf https://www.ape2021.eu/

Twitter #ape21

Die Videoaufzeichnungen können gegen eine Gebühr von 50 EUR bis Ende 2021 abgerufen werden.

Termin der nächsten APE: 10.–12. Januar 2022, Berlin


Fußnoten

1. Vgl. https://www.cos.io/initiatives/prereg

2. Vgl. https://www.protocols.io/

3. Anmerkung: Der Inhalt des Vortrags von Scott Fraser sowie Teile dieser Session konnten aufgrund der Tonprobleme
(auch auf der Aufzeichnung) für diese Reportage leider nicht komplett erfasst werden.

4. Vgl. https://openaccess.mpg.de/2336515/deal-vertrag-mit-wiley

5. Vgl. https://www.reviewcommons.org/

6. Vgl. Infos hierzu auf https://www.coalition-s.org/

7. Vgl. https://ems.press/

8. Vgl. https://knowledgeunlatched.org/

9. Vgl. https://oa2020-de.org/

10. Vgl. Transformation der Zeitschrift „Bibliothek Forschung und Praxis“ von De Gruyter nach dem S2O-Modell,
https://oa2020-de.org/pages/S2O_BFP/

11. Vgl. https://enable-oa.org/, auch vorgestellt beim Schweitzer Forum Digitale Bibliotheken 2020,
https://www.b-i-t-online.de/heft/2021-01-reportage-jakisch

12. Vgl. https://journalofdigitalhistory.org/en

13. Vgl. https://oabooks-toolkit.org/

14. Vgl. https://www.ajol.info/index.php/ajol, AJOL, African Journals Online.
Diese Plattform listet afrikanische Forschungspublikationen, auch Open Access.

15. Vgl. https://www.buchmesse.de/presse/pressemitteilungen/2020-10-14-launch-des-sdg-publishers-compact-mitglieder-der.
Ziele der Initiative und Video vom Launch der Initiative.

16. Vgl. https://www.oaswitchboard.org/

17. Vgl. https://iris.ai/

18. Vgl. https://www.nfdi.de/, die Nationale Forschungsdateninfrastruktur e.V.

19. Vgl. https://www.stm-researchdata.org/

20. Vgl. https://www.morressier.com/

Elgin Helen Jakisch, Berlin
jakisch@ub-interim.de