28. März 2017
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Open Access Reloaded

Sven Fund

In die Open Access-Diskussion kommt wieder Bewegung, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Nachdem es um das Geschäfts- und Publikationsmodell ein wenig ruhiger geworden war, hatten auch die letzten Vertreter extremer Positionen die Schützengräben verlassen wollen. Elsevier, lange der größte Bremser beim Thema Open Access (OA), ließ seinen Vertreter bei der diesjährigen Konferenz „Academic Publishing in Europe“ gar das Ziel postulieren, sein Unternehmen werde wohl in Bälde der größte Open Access Verlag der Welt sein.

Ein Blick auf die globalen Fakten bleibt ernüchternd, sowohl für Gegner wie Befürworter. Ganze 1,1 % des wissenschaftlichen Publizierens wurden 2013 laut Marktforschungsinstitut Outsell für jedermann kostenlos zugänglich publiziert. In mangelnder Kenntnis der Finanzierungsmodelle der wissenschaftlichen Literaturversorgung sehen einige Pessimisten trotzdem das Zeitalter der Staatsverlage anbrechen. Es geht jenen, das wurde in den vergangenen Monaten angesichts dieser Diskussionen deutlich, weniger um die Sorge über den Zustand des Wissenschaftsmarkts – der so gar nicht staatlich reguliert ist, sondern im Gegenteil hochgradig im Wettbewerb steht – sondern wohl mehr um persönliche Rezeptionsmuster.

Gerade die Befürworter von Open Access, allen voran die Vertreter der Großforschungseinrichtungen, können nicht so recht zufrieden sein mit der Entwicklung der letzten Jahre. Nun, da immer mehr Förderprogramme mit Einmal-Charakter auslaufen, tritt zutage, dass Open Access nicht ausreichend verankert ist in der akademischen Welt. Das hat verschiedene Ursachen, und Geld ist nur eine unter ihnen.

Open Access hat einen Punkt erreicht, in dem es von Verlagen nicht mehr ignoriert wird, im Gegenteil. Alle wesentlichen Marktteilnehmer haben heute entsprechende Angebote, verlagsneutrale Intermediäre wie Knowledge Unlatched oder die Open Library of the Humanities haben sich etabliert. Was jedoch mit wachsendem Volumen auffällt, ist das Fehlen von Konzepten zur organisatorischen Verankerung von Open Access in wissenschaftlichen Einrichtungen. Der Konflikt ist dabei nicht nur ein institutioneller, in dem sich Bibliotheken an den Hochschulen gegen speziell geschaffene Strukturen durchsetzen müssen. Noch schwerer scheint der wachsende Druck auf Budgets zu wiegen, wenn Bibliotheken ihre Etats für den klassischen Bestandsaufbau umwidmen müssen zur Finanzierung von Article Processing Charges (APC). Hier stockt die Transition hin zu neuen Modellen wissenschaftlichen Publizierens derzeit ganz erheblich. Nicht mehr Verlage, Bibliotheken stehen plötzlich in der Kritik, für Open Access nicht genug zu tun.

Der Fokus der OA-Diskussion hat sich in den vergangenen zwölf Monaten denn auch deutlich von der Ebene der einzelnen Institution auf eine nationale oder gar globale Betrachtung verschoben. Den Anfang machte ein politisches Positionspapier von Frank Sander und Ralf Schimmer von der Max Planck Digital Library. Seine Behauptung: Würden alle Zeitschriften weltweit von abobasierten Geschäftsmodellen auf OA umgestellt, sparten die Wissenschaftsfinanzierer weltweit mehrere Milliarden Euro – die sie in innovative Services investieren könnten. Wie so oft liegt der Teufel im Detail. Auf Bibliotheks- wie auf Verlagsseite dürfte die Arithmetik unstreitig sein. Gleichwohl: Der Prozess der Umstellung ist es, der allen Beteiligten Anpassungsprobleme bereitet – Brückentechnologien sind gefragt, die die Transition von Abo- zu Open Access-Modellen wirksam unterstützen können.

Ein Mechanismus könnten die landesweiten Abschlüsse einiger Verlage in den Niederlanden und in Österreich sein. Hier investieren die Regierungen massiv in den goldenen Weg des Open Access, um Forschung aller Disziplinen in großem Maße frei zugänglich zu machen. Und es sind von der niederländischen Ratspräsidentschaft der Europäischen Union im laufenden Halbjahr entsprechende Impulse auf europäischer Ebene zu erwarten, wie Barend Mons, der Vorsitzende der High Level Expert Group (HLEG) „European Open Science Cloud“ der Europäischen Kommission, anlässlich der APE im Januar in Berlin betonte. Seine – sicher pointierte und primär für die Naturwissenschaften geltende – Ansicht: „Der wissenschaftliche Artikel wird nicht mehr das Herzstück der wissenschaftlichen Kommunikation sein.“

An diesem Aspekt weitet sich die Open Access-Diskussion, die sich bisher weitgehend auf Zeitschriftenartikel und zu einem geringeren Teil auf Monographien konzentriert hat, in den vergangenen Monaten erheblich auf. Zum einen werden Open Educational Resources im Bereich der Bildungsverlage deutlich intensiver diskutiert. Zum anderen sind Fragen rund um die Publikation von Forschungsdaten oder wissenschaftlichen Mustern von wachsendem Interesse. Der Publikationsprozess setzt in der Folge deutlich früher im Forschungsprozess an, was zum Beispiel im Bereich der Validierung von Ergebnissen eine Menge neuer Fragen aufwirft.

Zu einer erheblichen Emotionalisierung der Debatte um OA hat sicher auch die steigende Publizität für Sci-Hub beigetragen, jene Plattform der Wissenschaftlerin Alexandra Elbakyan, die aus Protest gegen hohe Subskriptionskosten für Zeitschriften Verlagen gleich den vermutlich gesamten weltweiten Bestand wissenschaftlicher Artikel kostenfrei verfügbar gemacht hat – sage und schreibe 48 Millionen Beiträge! Dass ein solches Vorgehen technisch machbar sein dürfte, stand wohl schon länger außer Frage. Was Beobachter jedoch überrascht, ist das Ausmaß an krimineller Energie, mit der täglich frisch publizierte Inhalte dem Archiv hinzugefügt werden. Agiert wird nach dem moralischen Impetus, jenseits juristischer Rahmen: „To remove all barriers in the way of science.“

Nun ist die Entwendung von Inhalten sicher nicht der richtige Weg, wissenschaftliche Inhalte auf nachhaltige Art und Weise Open Access zu machen, und gerade die Verfechter eines freien Zugangs zu Artikeln wären gut beraten, sich von dieser Art der Piraterie abzugrenzen. Die Verlage hingegen müssen einen Napster-Effekt fürchten. Die Peer-to-Peer Plattform läutete um die Jahrtausendwende den Niedergang der Musikindustrie ein – heute liegen ihre Umsätze bei nur noch rund der Hälfte des Jahres 2000. Die Großen der Branche stemmen sich also aus verständlichen Gründen dagegen, den Geist aus der Flasche zu lassen. Die nächsten Monate werden zeigen, ob es dafür nicht schon zu spät ist. Die Zwischenbilanz ist für alle so beeindruckend wie für Verlage erschreckend: Im Februar 2016 wurden innerhalb von 24 Stunden fast 220.000 Artikel über Sci-Hub von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern heruntergeladen.

Dr. Sven Fund
Fullstopp GmbH
Sven.fund@fullstopp.com