20. Oktober 2018
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„Das Bibliothekswesen muss dringend bessergestellt werden“

Obwohl er längst im Ruhestand ist, forscht der Anglist und Buchwissenschaftler Professor Dr. Dr. h.c. Bernhard Fabian noch immer zur kulturellen Überlieferung. Ende Oktober wird er mit der diesjährigen Karl-Preusker-Medaille ausgezeichnet.

©Thomas Meyer / OSTKREUZ
Prof. Bernhard Fabian in seinem Arbeitszimmer mit Bibliothek in seinem Haus bei Münster

Herr Prof. Fabian, Sie erhalten in wenigen Tagen die diesjährige Karl-Preusker-Medaille. Damit werden Sie für Ihre Lebensleistung auf dem Gebiet der historischen Buchwissenschaft geehrt. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie?
Wenn es sich um die historische Buchwissenschaft allein handelte, wäre es eine Auszeichnung für gute Arbeit auf einem Gebiet, für das ich, neben der Englischen Philologie, eine venia legendi habe. Aber die Medaille wird mir auch für Arbeiten zuerkannt, die in den Bibliotheksbereich gehören. Das ist sozusagen über Fachgrenzen hinweg die Anerkennung für brauchbare Arbeit, die von einem Außenseiter geleistet worden ist. Und dies ist natürlich besonders erfreulich.

Jetzt untertreiben Sie ein wenig. Für Bibliothekare sind Sie ein wichtiger Berater bei der Konzeption neuer Dienstleistungen.
Mein Rat wird gelegentlich nachgefragt, das stimmt. Fachlich aber bin ich als Anglist und Buchwissenschaftler natürlich Außenseiter.

Dann kommen wir doch gleich zur Gretchenfrage. Wie steht es um die Bibliotheken im Land?
Beginnen wir mit dem Stellenwert der Bibliotheken in Deutschland. Der ist nur beklagenswert. Das Bibliothekswesen insgesamt muss im politischen und gesellschaftlichen Kontext dringend bessergestellt werden. Im Interesse der Zukunft des Landes dürfen die Bibliotheken nicht länger vernachlässigt werden. Sie dürfen dies nicht hinnehmen.

Wo sehen Sie konkreten Handlungsbedarf?
Die wissenschaftlichen Bibliotheken etwa sind derzeit vornehmlich regional organisiert. Für sie ist es aber wichtig, sich zu einer vorwiegend national orientierten Organisationsstruktur zu entwickeln. Das bedeutet eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit des gesamten wissenschaftlichen Bibliothekswesens und damit eine Verbesserung der Informationsinfrastruktur für die Forschung.

Und wo sehen Sie Handlungsbedarf bei den Öffentlichen Bibliotheken?
Das öffentliche Bibliothekswesen wird sich viel stärker noch als bisher im Bildungsbereich engagieren müssen. Je ineffizienter das Bildungswesen im schulischen Bereich wird, desto wichtiger wird der durch Bibliotheken und Museen repräsentierte Bereich.

Wie können Bibliotheken denn das ausgleichen, was Schulen nicht mehr leisten?
Durch noch mehr Leseförderung als es zurzeit bereits gibt.

In welchem Bereich neben der Bildung werden die Bibliotheken in Zukunft gebraucht?
Den Bibliotheken wird in Zukunft eine zunehmend wichtigere Rolle zukommen. Sie werden das administrative und intellektuelle Management eines expandierenden Universums von Texten zu übernehmen haben.

Das müssen Sie genauer erklären.
Ich meine damit die neuen Aufgaben und Funktionen, die sich aus der digitalen Revolution ergeben. Den Bibliotheken obliegt schon jetzt die Sicherung und physische Bewahrung der schriftlichen Überlieferung. Es wird in Zukunft auch wichtig sein, dass sie durch kluge und wirkungsvolle Strategien ihren Teil zum Erhalt der Textkultur in all ihren Manifestationen beitragen.

Sie selbst arbeiten derzeit an einem Buch zur Zukunft der kulturellen Überlieferung.
Ja. Das Buch wird voraussichtlich im nächsten Jahr erscheinen und unter anderem einige Empfehlungen für Verbesserungen in unserem Umgang mit der kulturellen Überlieferung enthalten.

Welche Rolle spielen Bibliotheken künftig dabei?
Eine sehr wichtige Rolle, die sich aus der Zentralität der gedruckten Überlieferung ergibt. Niemand hat das besser verdeutlicht als Karl Popper in einem Gedankenexperiment: ,Alle unsere Maschinen und Werkzeuge werden zerstört, ebenso unser ganzes subjektives Wissen ... Doch die Bibliotheken überleben und unsere Fähigkeit, aus ihnen zu lernen. Es ist klar, dass unsere Welt nach vielen Widrigkeiten wieder in Gang kommen kann.‘ Es fragt sich nur, wie sorgfältig die Überlieferung in unseren Bibliotheken aufbewahrt werden kann.

Was glauben Sie?
Die Strategien für die Erhaltung der kulturellen Überlieferung, damit auch der historischen Buchbestände, befinden sich weithin noch in einem Anfangsstadium. Die von Staatsminister Neumann initiierte Koordinationsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts an der Staatsbibliothek zu Berlin ist ein wichtiger und sicher folgenreicher Schritt.

Bis zu Ihrer Emeritierung im Jahr 1995 haben Sie an der Universität Münster gelehrt und geforscht. Was treibt Sie an, auch im Ruhestand weiterzuarbeiten?
Bei meiner Emeritierung war das Handbuch der historischen Buchbestände, das 1985 begonnen wurde, noch nicht fertig. Es ist erst 2002 zum Abschluss gekommen.

In ihrer Begründung für die Preisverleihung hebt die Jury besonders hervor, dass Sie als Herausgeber des 47-bändigen Handbuchs die erste umfassende Dokumentation der historischen deutschsprachigen Bestände in europäischen Bibliotheken vorgelegt haben. Können Sie Laien kurz erläutern, was Sie da gemacht haben?
Das Handbuch, gefördert von der VolkswagenStiftung, versteht sich als Inventar zu historischen Beständen vor 1900 in allgemein zugänglichen Bibliotheken. Es verzeichnet nicht einzelne Titel, sondern identifiziert in deskriptiven Übersichten Bestandsgruppen, etwa die Theologie oder die Naturwissenschaften. Diese Bestandsgruppen werden, mit umfangreichen zusätzlichen Informationen, in ihrem bibliothekshistorischen und bibliothekssystematischen Kontext erschlossen. Das Handbuch umfasst in drei Teilen rund 1500 Bibliotheken in Deutschland, 300 Bibliotheken in Österreich und, konzentriert auf die deutschen historischen Bestände, 600 Bibliotheken in Europa. Es ist eine Gemeinschaftsarbeit von rund 1600 Mitarbeitern.

Ist das Handbuch auch ein Ergebnis Ihres Berufslebens, auf das Sie besonders gerne zurücksehen?
Das Handbuch hat sich in seiner Konzeption unmittelbar aus meiner Arbeit mit historischen Buchbeständen ergeben. Dass sich nach 1989 die Möglichkeit ergab, nicht nur die Buchbestände in der ehemaligen DDR, sondern auch und besonders in den Ländern Mittel- und Osteuropas einzubeziehen, macht das Handbuch zu einer kulturwissenschaftlichen Dokumentation, die weit über die ursprünglichen Planungen und Erwartungen hinausgeht. Das ist ein sehr befriedigendes Ergebnis, ja.

Wäre Ihr Handbuch damit nicht auch ein geeigneter Grundstein für eine nationale Sammlung?
Nein. Die gedruckte Überlieferung ist in Deutschland über zahlreiche Bibliotheken verstreut und wird nie in einer Bibliothek vereinigt werden können. Die Lücken in unserem historischen Buchbestand sind nicht gering. Ich habe daher, parallel zur Dokumentation im Handbuch, den Vorschlag gemacht, in fünf ausgewählten Bibliotheken – aufgeteilt nach Jahrhunderten – deren hervorragende Bestände zu ergänzen und aufzustocken. Diese Sammlung deutscher Drucke wurde von der VolkswagenStiftung initiiert und anfänglich gefördert. Sie wird heute von den Bibliotheken getragen.

Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach gedruckte Medien in Zukunft haben?
Sicher eine weniger bedeutsame als in der Vergangenheit. Man wird das Buch von Funktionen entlasten, für die es nicht optimal geeignet ist. Ephemere oder dauerhaft revisionsbedürftige Informationen werden auf andere Textträger verlagert werden. Das gilt auch für große Textmengen, die nicht mehr in Büchern aufbewahrt werden können und sollen. Ich bin aber sicher, dass wir das, was wir als Leser dauerhaft brauchen oder besitzen möchten – sozusagen die Essenz unserer Kultur – weiterhin in Buchform haben werden.

Der Anteil an E-Books beispielsweise ist zwar noch ein geringer am Gesamtmarkt. Aber er steigt kontinuierlich.
Sicher. Aber der permanent prognostizierte Niedergang des gedruckten Buches steht noch aus. Sollte er wirklich kommen, dürfte darauf eine Renaissance des Buches folgen.

Prof. Dr. Dr. h.c. Bernhard Fabian wird die Karl-Preusker-Medaille am 31. Oktober 2013 in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster entgegen nehmen. Verliehen wird sie vom Dachverband


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