17. Januar 2018
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„Die dezentrale Kulturarbeit geht unter“

Leipzig – „Freiwillige Leistung“ steht auf dem Etikett, das haushaltsrechtlich auf den kommunalen Bibliotheken klebt. „Kann man zusammenstreichen“ heißt das übersetzt für viele Stadtkämmerer vor allem in Zeiten der Wirtschaftskrise. Das Ziel „Kultur für alle“ sieht der Bielefelder Stadtbibliotheksdirektor Harald Pilzer deutlich gefährdet. Er ist einer der Experten, die zum Thema „Finanzkrise und Bibliotheken“, einem der Themen beim 4. Leipziger Kongress für Information und Bibliothek, sprechen. Die Veranstaltung steht in diesem Jahr unter dem Motto „Menschen wollen Wissen! – Bibliotheken im 21. Jahrhundert: international, interkulturell, interaktiv.“ 3.000 Fachleute treffen sich direkt vor der Buchmesse vom 15. bis 18. März im Congress Center Leipzig.

Wer am Bibliothekswesen den Rotstift ansetzt, macht sich an Kernbereichen der Gesellschaftskultur zu schaffen, denn Bibliotheken sind seit Jahren keine bloßen „Buchausleih-Stationen“ mehr. Bibliotheken tragen Entscheidendes zur gesellschaftlichen Integration bei: Überproportional viele Menschen mit Mitgrationshintergrund nutzen die Bibliotheken in Deutschland. Bibliotheken stehen für die „ganz alltägliche Informationsfreiheit“ – nur diese ermöglicht Meinungsvielfalt und daraus resultierend Demokratie. Und Bibliotheken sind neutral, ihr Angebot ist nicht dem Konsum verpflichtet.

Wenige Einrichtungen arbeiten effizienter als Bibliotheken

So mancher Finanzpolitiker sieht in der kommunalen Bibliothekslandschaft allerdings ein opulentes Luxusgut. „Nur wenige öffentliche Einrichtungen arbeiten effektiver und kosteneffizienter als Bibliotheken,“ findet Barbara Lison, Präsidentin des Bundesverbandes Bibliothek und Information Deutschland. Sie ist Leiterin der Stadtbibliothek Bremen und erläutert, wie Dienstleistungen, die früher von jeder Bibliothek separat bezogen wurden, jetzt kostengünstig einheitlich eingekauft werden: „Nur ein Beispiel: Das Schreiben von Katalogkarten findet praktisch überhaupt nicht mehr statt, die Katalogdaten werden zentral eingekauft. Von 20.000 Titeln, die wir beispielsweise bei uns in Bremen jährlich erwerben, katalogisieren wir nur noch zehn Prozent. Wir haben im deutschen Bibliothekswesen ein sehr hoch entwickeltes Kooperationsnetz, um Dienstleistungen kostengünstig einzukaufen. Wer hier den Rotstift ansetzt, geht den Bibliotheken an die Substanz.“

Rotstift geht kommunalen Bibliotheken an die Substanz

Finanzexperte Pilzer kennt das aus Nordrhein-Westfalen: „Eine Umfrage unter 28 Großstadt-Bibliotheken in unserem Bundesland hat ergeben, dass es vielerorts keine verabschiedeten Haushalte gibt, sondern im Rahmen so genannter Nothaushalte gewirtschaftet wird. Danach dürfen nur sachlich und zeitlich unabweisbare Ausgaben getätigt werden. Haushaltskonsolidierung bedeutet für die sogenannten „freiwilligen Ausgaben“, und darauf läuft es im Endeffekt häufig genug hinaus, dass Filialen geschlossen werden und die Sachkosten bis zu einem Fünftel und mehr reduziert werden. Personal wird abgebaut, Stellen werden nicht wieder besetzt und andererseits werden die Gebühren erhöht. Das, was unter der Losung der ‹‹dezentralen, örtlichen Kulturarbeit›› in den Bezirken der Städte aufgebaut worden ist, droht jetzt unterzugehen!“

„Dies ist umso ärgerlicher und bildungspolitisch verheerend, da die Nutzerinnen und Nutzer unter 18 Jahren bis zur Hälfte der Nutzerschaft ausmachen“, erläutert Harald Pilzer. „Die Öffentliche Bibliothek bietet eine Vielzahl und Vielfalt von Medien, aber eben auch eine ‹‹Flatrate für’s Lesen››.“


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