von Robert Klaus Jopp
Die LIBER Architecture Group veranstaltete vom 19.bis 22.März 2002 in Leipzig unter dem Titel "The Effective Library - Vision, Planning Process and Evaluation in the Digital Age" ihr zehntes Bauseminar. Etwa hundert Teilnehmer aus den meisten europäischen Ländern hatten sich eingefunden, um insbesondere über Planungsprozesse anhand von geplanten oder fertiggestellten Projekten Erfahrungen auszutauschen. Seminarsprache war, wie immer, Englisch, obgleich der Name der Organisation ja französisch ist (Ligue des Bibliothèques Européennes de Recherche), was eben Französisch als Kommunikationssprache nahelegen könnte, aber - nothing for ungood! - jedenfalls ein großer Teil der Teilnehmer solcher Zusammenkünfte redet miteinander Englisch. Eine ganztägige Exkursion führte die Teilnehmer zunächst zur Besichtigung von neuen Bibliotheksbauten für die Universitäten Jena und Erfurt sowie nach Weimar, wo die Projekte für eine Erweiterung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek und einen Neubau für die Bauhaus-Universität vorgestellt wurden. Der vorbildlich wiederhergestellte und modernisierte Bau der Universitätsbibliothek Albertina in Leipzig wie auch die Deutsche Bücherei konnten natürlich an Ort und Stelle besichtigt werden. Eine weitere Exkursion nach Dresden, zum Neubau der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, schloss sich am 23.März an. Die besichtigten Bibliotheken in Jena, Erfurt, Leipzig und Dresden sind übrigens in dem LIBER-Dokumentationsband The Multifunctional Library enthalten; über den Wiederaufbau der Bibliotheca Albertina - Universitätsbibliothek Leipzig - erschien ein gesonderter Bericht in B.I.T.online 2 (1999) H.1, S.73-80.
Wie zu den vorangegangenen LIBER-Bauseminaren wurde auch diesmal wieder ein Dokumentationsband über neue wissenschaftliche Bibliotheken in Europa vorgelegt: The Effective Library. Vision, Planning Process and Evaluation in the Digital Age. Ed.by Elmar Mittler. Göttingen: Nieders. Staats- u.Universitätsbibliothek 2002 (Göttinger Bibliotheks-schriften. 20). Die mit Grundrissen und Abbildungen versehene Dokumentation stützt sich auf einen ausführlichen, von der LIBER Arbeitsgruppe Bibliotheksbau erarbeiteten Fragebogen; die Stichworte sind in englisch, spanisch, französisch und deutsch genannt. Der Fragebogen kann zugleich auch als eine Art Checkliste bei der Vorbereitung von Planungsvorhaben benutzt werden. Die Dokumentation liefert vorzügliches Anschauungsmaterial sowie detaillierte technische Angaben zu den beschriebenen Bauten.
Jetzt wurde das neueste Heft von LIBER QUARTERLY mit einem Bericht über das Seminar vorgelegt: LIBER QUARTERLY. The Journal of European Research Libraries. Ed. by Dr. Peter de Boekhorst and Ulrike Scholle, MA. München: K.G.Saur 2002. Vol 12 (2002) N.1.
Der Titel des Seminars The Effective Library wäre vielleicht besser The Effective Planning Procedure for a Library Building gewesen, damit aber etwas unhandlicher geworden; es ging aber vor allem eben um den Dialog zwischen Planern und Bibliothekaren bei der Projektierung von Bibliotheksgebäuden. Die etwa zwanzig Referenten befassten sich mit allen Phasen der Planungsvorbereitung, gaben Werkberichte über letzthin fertiggestellte Bibliotheksbauten und setzten sich insbesondere mit Bewertungsverfahren für inzwischen genutzte Gebäude auseinander. Das Heft von LIBER Quarterly enthält eine Auswahl der wichtigsten Beiträge.
Michel Idrac von der Université de Toulouse le Mirail machte deutlich, wie durch lange Verzögerungen bei der Planung frühere Konzeptionen und auch technische Vorgaben überholt werden. Abgesehen von unvorhergesehen - und unvorhersehbar - ansteigenden Studentenzahlen reicht das von immer wieder veränderten Finanzierungszusagen über sich verändernde Prioritäten bei der Standortwahl bis hin zu der Bemessung von Verkabelungen, die gegenüber den vor längerer Zeit getroffenen Festlegungen aufgrund der schnellen technischen Entwicklungen zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme des Gebäudes sich als unzureichend oder gar falsch erweisen kann.
Marie-Thérèse Varlamoff von der Bibliothèque de France befasste sich vor allem mit den konservatorischen Gesichtspunkten, die bei der Planung von Bibliotheksgebäuden eine immer größere Bedeutung erlangt haben, da die Gefahren, denen Bibliotheksgut durch falsche Behandlung und Lagerung ausgesetzt ist, immer deutlicher erkennbar geworden sind. Sie zitierte gleich zu Anfang Herman Libaers, den früheren IFLA-Präsidenten, mit einem Ausspruch von 1973: "Der Architekt ist ein gefährliches Übel, das man um jeden Preis besiegen muss. Weisen Sie sein Denkmal zurück und zwingen Sie ihm Ihre Vorstellungen auf. Mit anderen Worten: Das Wesentliche ist das Programm"; zwanzig Jahre später Gérald Grunberg: "Wenn es heißt, dass der Bibliothekar den Architekten respektieren müsse, so sollte das Gegenteil richtig sein. Das hängt weitgehend von dem Programm ab, das dem Architekten zur Verfügung steht". Frau Varlamoff stellte klar, dass drei Grundsätze in der Reihenfolge Konservierung - Zugänglichkeit - Architektur die Planung eines Bibliotheks-gebäudes bestimmen müssen. Darüberhinaus führt die Zweckbestimmung eines Bibliotheksgebäudes zu unterschiedlichen Konzeptionen in Bezug auf die Wichtigkeit der konservatorischen Maßnahmen, die zu treffen sind. Bei der Planung von National-bibliotheken müssen Schutz und Sicherheit der Bestände bei der Planung größten Vorrang haben, während bei öffentlichen Bibliotheken die Zugänglichkeit der Bestände im Vordergrund steht; wissenschaftliche Bibliotheken stellen wiederum andere Anforderungen: aufgrund der starken Benutzung, z.B. Kopieren, sind die Bestände Beschädigungen ausgesetzt, denen auch durch Raumorganisation, zum Beispiel gute Übersichtlichkeit der Lesebereiche, Grenzen gesetzt werden müssen. Schäden an den Beständen entstehen natürlich nicht nur durch die Benutzung, sondern auch durch die Umweltbedingungen des Standortes wie starke Verkehrsbelastung, Industrieabgase, Stäube und dergleichen. Nicht zu vergessen sind auch standortbedingte Risiken durch Vandalismus. Auch bei der Auswahl der Baumaterialien sollten regional bewährte Baustoffe berücksichtigt werden. Zur Begrenzung des Tageslichteinfalls müssen vollverglaste Fassaden vermieden werden, weil übermäßige Einstrahlung von UV-Lichtanteilen und Wärme sowie Blendung weder den Büchern noch den Lesern guttut und aufwendige Sonnenschutzmaßnahmen nach sich zieht. Ein weiteres Problem stellt der bauliche und anlagentechnische Brandschutz dar.
Suzanne Enright von der University of Westminster, London, widmete sich dem Thema der systematischen Bewertung von seit Neuerem in Betrieb befindlichen Bibliotheksbauten. Solche Untersuchungen stoßen auf gewisse Schwierigkeiten: Bei Benutzern, die meinen, dass ein Bibliotheksgebäude am Tage der Eröffnung perfekt funktionieren müsse, und dass eine Nutzungsuntersuchung unnütz ausgegebenes Geld sei; bei den Planern, die meinen, dass sie durch solche akademischen Untersuchungen in gewissen Punkten bloßgestellt werden könnten; schließlich bei den Bibliothekaren, für die bei derartigen Untersuchungen nur Probleme bloßgelegt werden, die bereits Gegenstand von Kritik des eigenen Personals waren und damit eigentlich überflüssig seien. Glücklicherweise wurde inzwischen erkannt, dass diese Analysen eher helfen, Betrieb und zukünftige Planungen zu optimieren. Die Untersuchungen werden in der Regel etwa zwei bis drei Jahre nach der Fertigstellung der Bauten durchgeführt und folgen einer Reihe von Kriterien, die nach wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken unterschieden sind. Die Untersuchungsergebnisse werden in unterschiedlicher Form der SCONUL-Beratungskommission zur Kenntnis gegeben, darüberhinaus sind diese Informationen in einer Datenbank zugreifbar: (http://www.lgu.ac.uk/deliberations/sconul). Die Informationen werden auch durch Vor-Ort-Besichtigungen gesammelt und bestätigt. Ein nächster Besuch ist für die Abertay Dundee Universitätsbibliothek vorgesehen, bei dem insbesondere die Benutzungsbedingungen für Behinderte untersucht werden sollen. Die Untersuchungsergebnisse wurden und werden in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht.
Marie-Francoise Bisbrouck von der Université Paris-Sorbonne (Paris IV) berichtete über die Auswertung einer Untersuchung über Bauten für wissenschaftliche Bibliotheken aus der Zeit von 1990 bis 1999, die unter ihrer Leitung vom französischen Erziehungsministerium durchgeführt wurde. Methode und Ergebnisse der Untersuchung wurden bereits in einer Veröffentlichung vorgestellt: Les bibliothèques universitaires. Évaluation des nouveaux bâtiments (1992-2000). Hrsg.Marie-Francoise Bisbrouck. Paris: La documentation francaise 2000. Rezension in B.I.T.online 5(2002) Nr.2, S.184-185. Die Untersuchung dokumentiert die Ergebnisse eines sehr umfangreichen Bibliotheksbauprogramms insbesondere für die wissenschaftlichen Bibliotheken, das nach einer 15jährigen Pause, in der kein einziges Bibliotheksgebäude errichtet wurde, aufgelegt wurde. Zum Programm gehörte, dass in den Bibliotheken ein möglichst großer Teil der Bestände für die Benutzer offen zugänglich gemacht wurde - zu Beginn der 90er Jahre war dies gerade eben 20 Prozent! Im Rahmen des Programms wurden auch die Öffnungszeiten von etwa 44 Wochenstunden zu Beginn der 90er Jahre auf nunmehr bis zu 70 Stunden wesentlich erweitert, dazu wurde allgemein ein Standard von einem Leseplatz pro fünf Studenten eingeführt. Die Untersuchung wurde mit Hilfe eines Fragebogens durchgeführt, der eine Anzahl von Kriterien enthielt und an die Bibliotheken verschickt wurde; eine Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern einer Reihe von Hochschulbibliotheken - die auch den Fragebogen erarbeitet hatte - wertete dann die Fragebögen aus. Die Untersuchung ergab wichtige Hinweise für den Betrieb und die zukünftige Planung von Bibliotheksgebäuden: Flächenansätze wurden meist als unzureichend beurteilt; die Errichtung von Bibliotheksbauten in mehreren Bauabschnitten wird wegen der damit verbundenen Betriebsbehinderungen und notwendigen internen Umzüge für sehr nachteilig gehalten; die technische Ausstattung (z.B.Verkabelung) hält mit der schnellen Weitentwicklung der Medien nicht Schritt; die in der neueren Architektur entwickelte Tendenz zu großflächig verglasten Außenwänden erweist sich für Bibliotheksgebäude als ungeeignet wegen der klimatischen Schwierigkeiten durch Sonneneinstrahlung, die durch hohen technischen Aufwand aufgefangen werden muss, der ebenfalls durch Sonneneinstrahlung verursachten Blendungen, darüberhinaus auch wegen des Reinigungsaufwandes und schließlich wegen des Risikos durch eindringendes Wasser. In vielen Fällen wird die mangelnde Zusammenarbeit zwischen Bibliothekaren und Planern bemängelt; bereits bei Architektenwettbewerben werden die vorgelegten Entwürfe vorwiegend unter architektonischen Gesichtspunkten, selten - oft überhaupt nicht - unter funktionellen Aspekten beurteilt, da die jeweilige Jury meist nur mit Architekten, Stadtplanern und Verwaltungsleuten besetzt ist und Bibliothekare, wenn vertreten, sich wegen der Stimmenanteile kaum Gehör verschaffen können.
Bernhard Fabian, Leiter des Englischen Seminars an der Universität Münster, äußerte sich in seinem Beitrag als Benutzer von geisteswissenschaftlichen Bibliotheken zu den Bedürfnissen und Erwartungen der Leser. Natürlich erwartet der Leser, dass alle Bücher, die er sucht, in der Bibliothek zu finden sind und dass sie ihm unverzüglich zur Verfügung stehen. Darüberhinaus wünschen sich diejenigen, die in der Bibliothek lesen und nicht nur Bücher ausleihen wollen, genügend große Tische, bequeme Stühle und eine Tischlampe, auch ein Kopiergerät in der Nähe. Und eben unter diesen - nicht unter formalen - Gesichtspunkten sollte das Mobiliar ausgewählt werden. Architekten verbringen üblicherweise nicht viel Zeit in Bibliothken, weshalb ihr Verständnis für die Bedürfnisse der Benutzer nur begrenzt sein kann. Ein - leider! - schlechtes Beispiel ist die so viel gelobte Staatsbibliothek von Scharoun in Berlin. Das Spiel von versetzten Ebenen, Treppchen und Galerien, die viele unterschiedliche Ausblicke ermöglichen sollen, ist eher kontraproduktiv, denn dadurch werden die Leser abgelenkt und den Bibliothekaren erschwert es die Arbeit. Begeistert sprach Fabian von den großen Lesesälen im British Museum und in der Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden.
Stehen Bille Larsen von der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen und Ulrich Niederer von der Zentral- und Hochschulbibliothek in Luzern geben einen Bericht über die mit den Exkursionen während des Seminars besuchten Bibliotheken in Dresden, Erfurt, Jena, Leipzig und Weimar.
Am Schluss der Veröffentlichung ist noch eine Zusammenfassung einer Bewertung des Seminars durch die Teilnehmer angefügt, in der auch Anregungen für zukünftige Seminare der LIBER-Arbeitsgruppe Bibliotheksbau gegeben werden.
Zum Autor
Robert Klaus Jopp ist Architekt und Bibliotheksbauberater
Fürstenstraße 6
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