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5. März 2026
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Forschungsprojekt an Unibibliothek
findet mehr NS-Raubgut als erwartet

Erstes Projekt zur Provenienzforschung an der Bibliothek der Goethe-Universität
zeigt weiteren Bedarf – Nachfolgeprojekt untersucht seltene Drucke –
Umfangreiche Bestände aus Frankfurter Antiquariat Baer identifiziert

Seit Herbst 2020 werden die Bestände der Universitätsbibliothek Frankfurt auf Bücher hin untersucht, die ihren Eigentümern während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen wurden. Im Verlauf des ersten, durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste unterstützten, nun abgeschlossenen Projekts wurde klar: Die Menge an Raubgut in den Beständen ist größer als erwartet; die Provenienzforschung muss weitergehen, auch um rechtmäßige Besitzer ermitteln und die Exponate restituieren zu können. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz haben Universität und Stadt Frankfurt heute über die bisherigen Ergebnisse und das weitere Vorgehen berichtet.

FRANKFURT. Im Frühjahr 2025 hat die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (UB) der Goethe-Universität Frankfurt ihr erstes Provenienz­forschungsprojekt erfolgreich abgeschlossen und jetzt den daraus entstandenen Forschungsbericht fertiggestellt. Ziel war es, Bücher aus dem Bestand der Bibliothek zu identifizieren, die in Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Verfolgung ihren Besitzern entzogen wurden. Dieses Projekt wurde von der Universitätsbibliothek initiiert und stellt den Auftakt einer auf viele Jahre angelegten, systematischen Provenienz­forschung in den Beständen der Bibliothek dar. Ziel ist es auch, Lösungen für eine Rückgabe oder Entschädigung zu finden. So sieht es die Washingtoner Erklärung aus dem Jahr 1998 vor, eine rechtlich nicht bindende, jedoch moralisch und ethisch verpflichtende internationale Übereinkunft, um Raubkunst zu identifizieren, deren rechtmäßige Eigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden.

Schleiff: „Universität stellt sich ihrer Geschichte“

„Die Universität stellt sich ihrer Geschichte. Die wissenschaftliche Untersuchung der Bibliotheksbestände ist ein wichtiger Bestandteil dieser Aufgabe. Nach moralischen Gesichtspunkten verjährt das in der NS-Zeit begangene Unrecht nicht, da fühlen wir uns ganz der Washingtoner Erklärung verpflichtet. Deshalb hat die Universitäts­bibliothek vor fünf Jahren das erste große Provenienzforschungsprojekt auf den Weg gebracht: Wir wollten wissen, welche Bestände aus enteignetem Besitz in unserer Bibliothek liegen, und das geschehene Unrecht in Bezug auf die widerrechtliche Übernahme der Exponate wiedergutmachen. Dass diese Aufgabe nun so viel umfangreicher sein wird als erwartet, stellt uns vor große Herausforderungen“, sagt Professor Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität.

Das Vorhaben wurde maßgeblich durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert und zusätzlich von der Stadt Frankfurt unterstützt, die Eigen­tümerin einer Vielzahl von Büchern der früheren Stadt- und Universitätsbibliothek ist. Diese entstand nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Zusammenführung mehrerer Bibliotheken, darunter der Stadtbibliothek. In einem Kulturvertrag von 1999 haben die Stadt Frankfurt und das Land Hessen vereinbart, dass ein Teil der Bestände weiterhin der Stadt gehört. Grob geschätzt handelt es sich um ein Drittel der Bücher, die vor 1945 erschienen sind.

Kulturdezernentin: „Die schiere Menge geraubter Bücher ist bestürzend“

Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Dr. Ina Hartwig: „Bei dem kontaminierten Begriff der „Arisierungen“ dachte man lange an Immobilien, Geschäfte oder Betriebe, die ihren jüdischen Eigentümerinnen und Eigentümern entrissen wurden. Die umfangreichen Forschungen an der Universitätsbibliothek Frankfurt zeigen jedoch, dass dieses Verständnis zu eng ist. Die schiere Menge der geraubten Bücher in den gemeinsamen Beständen von Universität und Stadt ist bestürzend, die systematische Erforschung überfällig. Das nun abgeschlossene Projekt stellt einen ersten Schritt dar und ist das Ergebnis der konstruktiven und fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Goethe-Universität, der Universitätsbibliothek und der Stadt Frankfurt, an die wir in Zukunft anknüpfen möchten.“

Daniela Poth, Leiterin der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg: „Mit Daniel Dudde und Darleen Pappelau haben wir zwei sehr kompetente Fachleute einsetzen können. Sie haben mit viel Interesse, Ausdauer und Sorgfalt die detektivische Aufgabe übernommen, den Weg der Bücher nachzuzeichnen und zu dokumentieren sowie die rechtmäßigen Eigentümer herauszufinden. Sie haben eine wunderbar systematische Aufarbeitung vorgelegt, dafür danken wir ihnen sehr und hoffen, dass sie die Provenienzforschung an der UB mit dem gleichen Engagement auch zukünftig weiterführen. Und natürlich danken wir auch dem Präsidium für seine Unterstützung in jeglicher Hinsicht.“

Dr. Uwe Hartmann, Leiter des Fachbereichs Kulturgutverluste im 20. Jahrhundert in Europa am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste: „Wir freuen uns, dass mit der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg eine weitere bedeutende Frankfurter Kultureinrichtung ihre historische und moralische Verantwortung wahrgenommen hat, die eigenen Bestände daraufhin zu prüfen, auf welche Weise Bücher und andere Objekte in der NS-Zeit erworben worden waren. Ziel ist es dabei herauszufinden, ob diese den rechtmäßigen Eigentümern einst entzogen oder abgepresst wurden. Die Ergebnisse des ersten vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Forschungsprojekts belegen, in welchem Maße auch die Frankfurter Universitätsbibliothek Nutznießer der Ausplünderung von jüdischen Bürger:innen und anderen vom NS-Regime Verfolgten war. Wir wünschen dem Team Provenienzforschung auch für das zweite Projekt viel Erfolg!“

Ursprünglich war das Projekt auf zwei Jahre angelegt, wurde jedoch aufgrund des unerwartet hohen Rechercheaufwands um denselben Zeitraum verlängert. Im Projektverlauf hatte sich herausgestellt, dass der Anteil an NS-Raubgut in den untersuchten Bestandsbereichen deutlich höher war als zunächst angenommen. Bei der Anlage des Projekts hatten sich die Forschenden an Erfahrungswerten aus vergleichbaren Projekten orientiert. Die Situation in Frankfurt stellte sich jedoch anders dar: Als Stadt mit einem großen jüdischen Bevölkerungsanteil war Frankfurt stärker von Verfolgung und Enteignung im NS-Regimes betroffen – wovon eben auch Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen als Empfänger von enteignetem Kulturgut mehr „profitierten“. Deshalb ist der Anteil von NS-Raubgut in der hiesigen Universitätsbibliothek entsprechend höher als andernorts.

Hinzu kommt, dass Frankfurt nach Kriegsende ein zentraler Ort der alliierten Restitutionsbemühungen wurde: Die Sammelstelle für geraubte und verwaiste Buchbestände wurde zunächst in den Räumen der ehemaligen Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek eingerichtet, später wechselte sie als Offenbach Archival Depot in die Nachbarstadt. Millionen von Büchern wurden dort zusammengetragen und, soweit möglich, an ihre rechtmäßigen Eigentümer weltweit zurückgegeben. War dies nicht möglich, verblieben die betreffenden Bestände vorerst in Offenbach und wurden ab 1947 nach und nach an die Universität Frankfurt übergeben.

Von 75.000 Büchern wahrscheinlich zehn Prozent unrechtmäßig entzogen

Ein Teil der Bestände, die während der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit in die UB gelangten, wurde im Rahmen des ersten Projekts zur Provenienzforschung erstmals systematisch untersucht. Das Projektteam versuchte, anhand von Stempeln, Exlibris und Vermerken in den mehr als 75.000 Büchern, die im ersten Projektabschnitt beforscht wurden, deren Herkunft nachzuzeichnen. Dabei wurden rund 7.500 Bücher entdeckt, die sich 350 unterschiedlichen Vorbesitzern zuordnen lassen und bei welchen ein unrechtmäßiger Entzug wahrscheinlich ist. Aufgrund dieses auch für Experten überraschend hohen Prozentsatzes konnte nur ein Teil der Einzelfallrecherchen vollständig abgeschlossen werden.

In diesen ersten vier Jahren wurden bereits etliche Bücher restituiert, also an die rechtmäßigen Besitzer beziehungsweise deren Erben zurückgegeben. Die Restitutionsvorgänge unterschieden sich stark hinsichtlich Umfang, Dauer und konkreter Lösung. In 35 Fällen mit insgesamt 90 Bänden konnte eine faire und gerechte Lösung im Sinne der Washingtoner Erklärung gefunden werden – darunter Rückgaben, Rückschenkungen sowie Rückkäufe. Bücher aus der Frankfurter Universitätsbibliothek wurden an Privatpersonen im In- und Ausland restituiert sowie an eine Vielzahl von Organisationen, darunter politische Parteien, Gewerkschaften, jüdische Gemeinden oder Freimaurerlogen.

Ein besonders bedeutender Fall sind die Bücher aus dem Antiquariat Baer, einer Frankfurter Institution von Weltrang, die 1934 durch den NS-Staat liquidiert wurde. Die Frankfurter Bibliotheken übernahmen damals umfangreiche Bestände zu einem viel zu niedrigen Preis. Bis 1945 gab es mehrere wissenschaftliche Bibliotheken in Frankfurt, die als Vorgängerinstitutionen der heutigen UB gemeinsam die Rolle einer Unviersitätsbibliothek wahrnahmen.

Im Rahmen des Projekts konnte dieses Unrecht dank ausführlicher Recherchen erstmals erforscht und systematisch dokumentiert werden. Die Projektforschenden der Bibliothek haben allein im ersten Projekt mehr als 5.000 Bände aus dem Antiquariat Baer identifiziert, die als NS-Raubgut anzusehen sind. Ziel ist es nun, mit den Erben des Antiquariats in Kontakt zu treten, um gemeinsam eine faire und gerechte Lösung zu entwickeln. Das Projektteam hat die Suche nach den Erben aufgenommen und wird sie parallel zur weiteren Forschung zu diesem Fall fortsetzen. Im gerade gestarteten Nachfolgeprojekt ist mit weiteren bedeutenden Funden aus der Provenienz Baer zu rechnen.

Mit dem Beginn dieses zweiten Provenienzforschungsprojekts wird die Arbeit für zunächst zwei weitere Jahre fortgeführt. Auch dieses Projekt wird mit umfangreichen Mitteln durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Der Schwerpunkt verlagert sich nun auf neue Bestandsgruppen: Im Fokus stehen diesmal insbesondere alte, seltene und wertvolle Drucke aus dem 16. bis 20. Jahrhundert, die zu Sonder­sammlungen gehören, welche seit den 1940er Jahren aufgebaut worden sind. Es gilt als sicher, dass auch mit diesem zweiten Projekt die Recherche nach NS-Raubgut in der Bibliothek nicht abgeschlossen sein kann: Die UB stellt sich auf eine langfristige Aufgabe ein.

https://www.ub.uni-frankfurt.de