18. Juni 2024

b.i.t.online 

Chefredakteur Rafael Ball,
Direktor der ETH-Bibliothek Zürich

EDITORIAL  4 / 2023 vorab

Wo Effizienz auf Geist trifft:
Die Boston Consulting Berater an der Universität Göttingen

Nicht jeder, der die Männer und Frauen von Boston Consulting oder eine andere Beraterfirma in seine Universität holt, plant Böses. Dennoch kann es ein böses Erwachen geben, wie man jetzt an der Causa Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB) sieht. Mit dem Ziel, die Admi­nis­tration der Universität zu durchleuchten, ergibt sich nun als Ergebnis der Vorschlag der Berater, die Universitätsbibliothek auf einen Minimalstatus einer Lesesaal- und Ausleihbibliothek zu redu­zie­ren, alle anderen Dienste zu verteilen und gar noch auf die Direktion der Bibliothek zu verzichten.

Dieser Vorschlag ist so schräg, dass man bereits im Feuilleton der überregionalen deutschen Presse darüber diskutiert und die Empörung ist groß. Selbst der Gene­ral­direktor der Deutschen Nationalbibliothek, ansonsten eher zurückhaltend im politischen Außenauftritt, hat unmittelbar eine Petition zum Erhalt der SUB Göttingen auf den Weg gebracht.

So weit so gut, aber was ist da eigentlich passiert? Was ist falsch gelaufen? Und wie kommt man als Managementberater auf solche kruden Ideen?

Wir unterstellen, dass die Berater keine versteckte Agenda der Universitätsleitung mitbekommen haben, etwa mit dem Ziel, die Bibliothek zu eliminieren.

Wir unterstellen auch, dass Berater einmal selbst an einer Universität, zumindest an einer Hochschule studiert haben und den Nutzen und die Leistungen einer Bibliothek zu schätzen wissen.

Wir setzen weiter voraus, dass auch im Beratungsunternehmen Boston Consulting Entscheidungsstrukturen in der Linie existieren und Hierarchien nicht um ihrer selbst Willen da sind, sondern zur Strukturierung von Prozessen und Entscheidungen dienen. Die Berater müssten das auch wissen (sie erleben es ja täglich, wenn sie nach „oben“ reporten müssen).

Wie also kommt man auf die Idee, eine solch renommierte Bibliothek zu filetieren?

Da könnte es zunächst einmal die Vorstellung geben, dass eine Bibliothek nur aus einem Bestand an Büchern und Zeitschriften und deren Benutzung besteht und aus nichts anderem. Das wäre ein Minimalkonzept und vielleicht hat es dem einen oder anderen Berater ja ausgereicht, um seine persönliche Karriere als Betriebswirt oder Managementbachelor abzuschließen.

Zum zweiten sehen Berater heute, wenn sie die Bibliotheken unter die Lupe nehmen, ein Sammelsurium von verschiedenen, so genannten Dienstleistungen. Das ist das Ergebnis von modernen Bibliotheksstrategien, die die Bibliotheken nicht mehr länger als Institution begreifen und aus dieser Vorstellung heraus ihre Angebote und Strukturen organisieren, sondern die Bibliothek als Dienstleistungsinfrastruktur definieren.

Da leuchtet es doch ein, wenn eine Beraterin diese Dienstleistungen dann „wild“ in einer Universität umverteilt, Synergien berechnet und der Universitätsleitung dann ein Konzept präsentiert, wie es in Göttingen vorliegt.

Dass es gerade und besonders in Göttingen einen starken Konnex gibt zwischen Bestand, Infrastruktur (zu der natürlich auch alle digitalen Plattformen gehören) und Dienstleistungen, hat man entweder übersehen oder es wurde von der Bibliothek nicht ausreichend formuliert und vertreten.

Das ist definitiv kein Vorwurf an die Göttinger Bibliothekskolleginnen und -kollegen, sondern eine selbstkritische Reflexion, die alle wissenschaftlichen Bibliotheken betrifft. Nur zu leicht wird die vielgelobte Dienstleistung als Zentrum der Bibliothek propagiert und der Zusammenhang von Bestand, Know-how und Archivfunktion samt Kuratierung, Verlinkung und Aktualisierung ignoriert.

Oder um es mit einem scheinbar altmodischen Begriff zu formulieren: Wer auf den Institutionenbegriff seiner Bibliothek verzichtet, muss sich nicht wundern, wenn effizienzgetriebene Manager und Berater die Dienstleistungen dahin verschieben, wo sie aus Bibliothekssicht gar nicht hin gehören.

Die Bibliothek bleibt nur dann unangefochten, wenn sie mehr ist als die Summe ihrer Dienstleistungen. Dies herauszustellen, zu leben und täglich zu beweisen, ist nun – im Lichte der Causa Göttingen – noch wichtiger als vorher.

Das kann und wird den Bibliotheken auch gegen den überaus flachgründigen Rat der Beraterkaste gelingen. Wir drücken aktuell der SUB Göttingen alle Daumen und hoffen, dass Universitätsleitungen auch im Jahre 2023 noch jenes Maß an Vernunft besitzen, das vielleicht nicht von jedem Berater, aber doch von jedem ernsthaften Wissenschaftler, jeder Wissenschaftlerin erwartet werden darf.

Herzlich
Ihr Rafael Ball