13. August 2020

Staatsbibliothek entsendet „Götterfunken“ nach Wien und Bonn

„Keine Institution der Welt besitzt und pflegt so viele Kompositionen, Briefe, Konversationshefte und anderes Handschriftliches von Ludwig van Beethoven wie die Staatsbibliothek zu Berlin“ erklärt Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf, und weiter „diese unikalen Schätze wollen wir im Beethoven-Jahr 2020 möglichst vielen Menschen zugänglich machen. Im Finale der 9. Sinfonie singt der Chor von weltumspannender Brüderlichkeit und gegenseitiger Inspiration – mögen viele Besucher in Wien und Bonn sich diesen Gedanken freudig anschließen und sich von der originalen Handschrift Beethovens faszinieren lassen.“

Unter den herausragenden Exponaten des Beethoven-Jahres 2020 ist die Originalpartitur der Sinfonie Nr. 9, D-Dur op. 125. Seit dem Jahr 1901 gehört die nahezu vollständige Partitur der einst Königlichen Bibliothek, heute Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Dank des Umstandes, dass die Partitur in sechs Teile gefasst ist – einen Hauptband der Sätze I bis III mit 137 Seiten sowie fünf schmale Bände des Finalsatzes mit 67 Seiten – ist es der Staatsbibliothek möglich, mehrere Leihgaben parallel zu entsenden. So können schon zum Beginn des Jubiläumsjahres viele Menschen an dem UNESCO-Weltkulturerbe teilhaben. Nachdem die Staatsbibliothek zu Berlin schon im Lauf des Jahres 2019 sämtliche Materialien ihrer überaus reichen Beethoven-Sammlung in bester Auflösung und gut erschlossen online verfügbar machte, folgen nun Ausstellungen mit den seltenen Gelegenheiten, Beethovens Schaffen nahe zu kommen.

Leihgaben nach Wien und Bonn

Nach Wien, in die Ausstellung „Beethoven. Menschenwelt und Götterfunken“ der Österreichischen Nationalbibliothek, wird in diesen Tagen eines der fünf Faszikel des Finalsatzes entsendet. Wien war der wesentliche Ort im Leben und Schaffen Ludwig van Beethovens, eben dort wurde 1824 seine 9. Sinfonie uraufgeführt. Ab dem 19. Dezember kann das Publikum eine Doppelseite des berühmten Finales betrachten. Zu sehen ist jener Höhepunkt, auf dem Beethoven die beiden musikalischen und ideellen Hauptthemen – Freude und weltumspannende Brüderlichkeit unter den Menschen – in kontrapunktischer Verflechtung gleichzeitig erklingen lässt. Zwischen dem Notensystem notierte er die Textzeilen „Freude schöner Götterfunken“ und „Seid umschlungen Millionen“.

In der Bundeskunsthalle in Bonn, dem Ort seiner Geburt und Jugendjahre, sind seit heute in der Ausstellung „Beethoven.Welt.Bürger.Musik“ ein weiteres Faszikel des Finalsatzes der 9. Sinfonie sowie von der Hand des Komponisten 19 weitere Stücke zu sehen, etwa die Missa solemnis, eines seiner Konversationshefte, ein annotierter Kalender sowie das Orchesterwerk Wellingtons Sieg.

In Berlin „Diesen Kuß der ganzen Welt!“ ab 11. März 2020

Die Staatsbibliothek zu Berlin wird in ihrem Haus Unter den Linden ab dem 11. März 2020 die Ausstellung „Diesen Kuß der ganzen Welt!“ zeigen. Zum ersten Mal werden dann alle Sätze seiner berühmtesten Sinfonie, der Neunten, gleichzeitig ausgestellt sein. Der Hauptband sowie vier Faszikel des Finalsatzes werden nebeneinander aufgeschlagen und erlauben so einen tiefen Einblick in die Erschaffung dieses Meisterwerkes.

Zur Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek gehören viele weitere große Werke – etwa die Sinfonien Nr. 4, 5, 7 und 8, die Klavierkonzerte 1-3 und 5, die Oper Leonore/Fidelio, die Missa solemnis – wie auch der Brief an die Unsterbliche Geliebte, 380 weitere Briefe und mit 137 nahezu alle seiner überlieferten Konversationshefte. Vieles davon wird in der Ausstellung vorgestellt.

HINTERGRUND

Das Autograph der 9. Sinfonie von L. v. Beethoven

Im Frühjahr 1824 hatte Ludwig von Beethoven (1770-1827) die Arbeit an seiner 9. Sinfonie abgeschlossen. Die Partitur lag als ein Packen von mehr als 200 unbeschnittenen Notenblättern vor. Das Papier war nicht durchweg von einheitlichem Format: Zwar hatte Beethoven seine Komposition zum überwiegenden Teil auf 16-zeiligem Notenpapier im Querformat niedergeschrieben; für einige Abschnitte des Finalsatzes aber, in denen das Solistenquartett, der Chor und das groß besetzte Orchester zusammenwirken, musste er auf Blätter im Hochformat mit 23 Notensystemen zurückgreifen.

Sein Manuskript war eine Arbeitspartitur, die mit ihren überaus zahlreichen, auch heftigen Streichungen, Rasuren, Überschreibungen und Verweisungen augenfällig die Spuren des Kompositionsprozesses trägt. Für Aufführungszwecke stellten versierte, mit Beethovens Handschrift und seinen Notierungsgewohnheiten vertraute Kopisten Abschriften her. Die erste Aufführung der Sinfonie fand am 7. Mai 1824 in Wien statt.

Nach Beethovens Tod befand sich die Original-Partitur der 9. Sinfonie im Besitz seines Gehilfen und Sekretärs Anton Schindler. Nach eigenem Bekunden hatte er sie im Februar 1827, wenige Wochen vor dem Tod Beethovens, von diesem als Geschenk erhalten. Jedoch war das Werk unvollständig: Vorhanden waren nur die Sätze 1 bis 3, vom Finalsatz hingegen nur ein kleinerer Teil.

Aus der ohnehin schon fragmentarischen Partitur sandte Schindler im September 1827 zwei Blätter nach London an den Komponisten Ignaz Moscheles, der in Wien mit Beethoven befreundet gewesen war. Beide Blätter gelangten 1956 in das Bonner Beethoven-Haus. An einen unbekannten Empfänger wurden, vermutlich ebenfalls durch Schindler, drei Blätter aus dem Finalsatz weitergegeben. Sie liegen heute in der Bibliothèque Nationale in Paris.

Im Jahr 1846 vermachte Schindler seine überaus wertvolle Beethoven-Sammlung der Königlichen Bibliothek zu Berlin (heute Staatsbibliothek zu Berlin), der Preußische Staat zahlte ihm dafür eine Leibrente. Die 137 Blätter des Hauptkorpus – fünf Blätter fehlten, s.o. – wurden in der Bibliothek mit rotem Halbleder eingefasst.

Die die Partitur ergänzenden Teile des Finalsatzes fanden sich in Beethovens Nachlass, der zu großen Teilen 1827 vom Wiener Verleger Domenico Artaria ersteigert wurde. 1901 gelang es der Berliner Bibliothek, auch diese hochbedeutende Musikhandschriftensammlung zu erwerben. So kamen, zusammen mit allen anderen Beethoven-Objekten, nun auch die fehlenden Abschnitte des Finalsatzes nach Berlin, die insgesamt 67 Blätter waren in fünf Faszikeln gefasst und wurden in eben dieser Aufteilung ebenfalls in rotes Halbleder eingebunden.

Zum ersten Mal seit Beethovens Tod war im Jahr 1901 das Autograph seiner 9. Sinfonie mit den insgesamt 204 Blättern in einem Hauptband und fünf Faszikeln fast vollständig an einem Ort vereint. Doch schon nach vier Jahrzehnten wurde die Sinfonie erneut geteilt: Um die kostbaren Bestände vor Schäden durch den Zweiten Weltkrieg zu schützen, teilte die Bibliothek sie 1941 in drei Partien und brachte sie an weit auseinanderliegende Orte. In den Osten kehrten 1946 vom Finalsatz die Faszikel I-III in das Haus Unter den Linden der Bibliothek zurück, der Hauptband folgte 1977. Die Faszikel IV und V kamen 1967 in die Staatsbibliothek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nach West-Berlin. Somit verlief bis zur Wiedervereinigung Deutschlands die wahrhaft symbolische Teilung mitten durch den Chorgesang des Finales. Die Sinfonie war zu einem Monument des Kalten Krieges geworden, da der „Schnitt“ mitten durch die Doppelfuge des Schlusssatzes ging, mit der Beethoven die musikalischen und ideellen Hauptthemen – Freude und weltumspannende Brüderlichkeit unter den Menschen – in kontrapunktischer Verflechtung gleichzeitig erklingen lässt.

Im Gefolge der deutschen Wiedervereinigung wurden die beiden Berliner Staatsbibliotheken 1992 unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zusammengeführt. Damit fanden – 50 Jahre nach ihrer zweiten Teilung – im Haus Unter den Linden der Hauptband und die fünf Faszikel des Finalsatzes der 9. Sinfonie wieder zueinander.

Das Autograph der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven gehört zu den kostbarsten Schätzen des musikalischen Erbes der Menschheit. 2001 erklärte die UNESCO dieses Herzstück der großen Beethoven-Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz zum Weltdokumentenerbe.