21. Januar 2018
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Licht im Informationsdschungel

Die Beschäftigten in Bibliotheken werden im digitalen Zeitalter immer mehr zu Informations-Experten. Der Job, in dem nach wie vor besonders viele Frauen tätig sind, wird damit immer anspruchsvoller – und spannender denn je.

Sie sitzen inmitten verstaubter Bücherreihen, katalogisieren ihre Bestände und wachen streng darüber, dass niemand etwas mitgehen lässt. Das Klischee über den Alltag von Bibliothekaren hält sich hartnäckig – und hat mit der Realität wenig zu tun. Im digitalen Zeitalter nämlich wandelt sich das Aufgabenfeld schnell und tiefgreifend. Der moderne Beruf des Bibliothekars verlangt Aufgeschlossenheit für Technik und Menschen, Flexibilität und vieles mehr. Als Gegenleistung bietet er aufregende Tätigkeiten.

„Die Vorstellung, dass eine Bibliothek nur ein Raum ist, in dem eine Lehrbuchsammlung oder ein paar Romane in Regalen stehen, hat heute nichts mehr mit der Realität zu tun“, sagt Cornelia Vonhof, Professorin für Public Management an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Genauso verhalte es sich mit dem Beruf der Bibliothekare. Ihre Hauptaufgabe heute sei: die Vermittlung von Informationen. Denn in unserer Wissensgesellschaft ist jeder auf Informationen angewiesen. Doch in dem Maße, wie deren Verfügbarkeit in den vergangenen Jahren vor allem durch das Internet zugenommen hat, ist auch die Unübersichtlichkeit gestiegen. Menschen, die dieses Dickicht durchschauen, die Informationen ordnen und für andere zielgerecht bereitstellen, sind da gefragt – Menschen, wie die Bibliothekare. In Stadtbüchereien wie in großen wissenschaftlichen Universitätsbibliotheken weisen sie den Nutzern den Weg durch den Informationsdschungel.

Einen niedrigschwelligen Zugang zu Bildung und Kultur schaffen
Der klassische Ausbildungsberuf ist der zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste. „Junge engagierte Menschen, die mindestens einen mittleren oder Realschulabschluss mitbringen, erhalten hier eine hochqualifizierte Ausbildung“, sagt Monika Ziller, die Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv). Im Laufe von drei Jahren erlernen sie die Grundlagen für die Arbeit in einer Bibliothek. „Das ist vor allem die Fähigkeit, kundenorientiert zu arbeiten“, sagt Ziller. „Bibliothekare eröffnen den Nutzern einen öffentlichen Zugang zu Bildung und Kultur. Neben ihrem bibliothekarisch-handwerklichen Wissen müssen sie also ein hohes Maß an sozialer Kompetenz mitbringen.“

Die Wissensexperten unterstützen Erzieher und Lehrer, wenn diese die Lesefreude bei ihren Zöglingen fördern. Sie helfen Jugendlichen bei der Internet-Recherche für ihre Hausaufgaben und haben Weiterbildungstipps für Berufstätige. „In den vielen öffentlichen oder kirchlich getragenen Bibliotheken beispielsweise arbeiten die Informations-Spezialisten mit Kitas, Schulen, Stadtteil-Initiativen und vielen anderen Akteuren vor Ort zusammen“, sagt Monika Ziller. „So garantieren sie einen niedrigschwelligen Zugang zu unseren kulturellen Angeboten.“ Der Anteil weiblicher Mitarbeiter in Bibliotheken ist ungewöhnlich hoch. „Das Berufsfeld kann immer noch als ein von Frauen geprägtes gelten“, sagt Monika Ziller. „Das liegt sicherlich auch daran, dass vielen Männern die Bezahlung nicht reicht.“ In diesem Punkt bestehe dringender Verbesserungsbedarf.

Informationskompetenz stärken
An der Hochschule der Medien in Stuttgart werden Studenten durch ein Studium im Bibliotheks- und Informationsmanagement dafür qualifiziert, in Bibliotheken und anderen Informationseinrichtungen zu arbeiten. „Die späteren Arbeitsplätze unserer Studierenden sind neben Bibliotheken etwa Bibliotheksservicezentren oder Verlage. Sie arbeiten im Kulturmanagement oder in den Research-Abteilungen großer Unternehmen“, sagt Vonhof.

„Die große Herausforderung für Bibliotheken ist es, deutlich zu machen, dass sie viel mehr Qualität bieten können als Google und das Internet“, sagt Cornelia Vonhof. Viele Informationen findet man mit Google gar nicht, und bei weitem nicht alles ist im Netz frei verfügbar. Bibliothekare müssen also einerseits in unterschiedlichen Katalogen und Datenbanken suchen können und andererseits ihre Nutzer in die Lage versetzen, sich selbst dieser Techniken der Informationserschließung zu bedienen. Ein gut ausgebildeter Bibliothekar sollte außerdem die Qualität der Informationen beurteilen können – eine Fähigkeit, die dem Besucher viel Recherchezeit ersparen kann, weiß Vonhof.

Um mit den unterschiedlichsten Kunden und ihren vielfältigen Anfragen umzugehen, muss ein Bibliothekar auch Kommunikationsgeschick beweisen. „Es kommen vom Grundschüler bis zum Firmengründer alle Menschen in die Bibliothek. Manchmal geht es im ersten Schritt darum, überhaupt herauszubekommen, was derjenige eigentlich braucht“, erklärt Vonhof.

Wie die Arbeit in einer modernen Bibliothek heute aussehen kann, zeigt das Wissenschaftskolleg zu Berlin. 40 Gastwissenschaftler haben dort jedes Jahr die Möglichkeit, ein akademisches Jahr lang an selbst gewählten Projekten zu arbeiten. „Unsere Fellows bilden eine Lerngemeinschaft auf Zeit, die durch Fächervielfalt, Internationalität und Interkulturalität gekennzeichnet ist “, sagt Dr. Sonja Grund, die Leiterin der hauseigenen Bibliothek. Zwar gibt es im Wissenschaftskolleg eine Handbibliothek. Doch der Aufbau eines eigenen Bestands ist nicht das vornehmliche Konzept der Bibliothek. „Bei uns geht es vielmehr um die kurzfristige und individuelle Bereitstellung von Forschungsliteratur“, sagt Grund. „Durch Kooperationen mit Bibliotheken und Forschungseinrichtungen in aller Welt machen wir unseren Fellows gedruckte sowie elektronische wissenschaftliche Bestände zugänglich, stellen die gewünschten Medien gegebenenfalls vor Ort bereit und kümmern uns um den gesamten Verwaltungsprozess der Ausleihen und Fristen.“ Für allgemeine Literaturrecherchen und gezielte Fachinformation nutzt die Bibliothek Zugänge zu nationalen und internationalen Datenbankanbietern sowie elektronischen Zeitschriften.

Die digitale Information ist nicht mehr ortsgebunden
Einen Blick in die Zukunft der Bibliotheken wirft Stefan Gradmann. Er ist Professor für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin. Gradmann prophezeit einen tiefgreifenden Wandel des gesamten Bibliothekswesens. Das Zeitalter, in denen Bibliotheken exklusiv Printmedien in Beständen vorhielten, sei vorbei. In Zukunft werde alles, was derzeit noch in Büchern steht und vieles darüber hinaus, digital verfügbar und miteinander verlinkt sein.

„Die Frage, die sich stellt, ist, wie viele Institutionen, wie die heutigen Bibliotheken, wir dann noch brauchen“, sagt Gradmann. Denn digitale Informationen sind nicht mehr ortsgebunden, sie lassen sich in Sekundenschnelle vervielfältigen und abrufen. Bedeutet das auch das Aus der Bibliothek? Stefan Gradmann glaubt das nicht. „Es braucht auch in Zukunft Räume, in denen sich Menschen treffen können, um miteinander zu sprechen, sich auszutauschen und zu arbeiten“, sagt er. Die Bibliothek wird seiner Meinung nach zunehmend die Funktion eines sozialen Raumes einnehmen.

Doch nur, wenn sie sich nicht mehr hundertprozentig über Bücher als Medium identifizierten, hätten Bibliotheken auch in Zukunft eine Chance, meint Gradmann. Ins Zentrum der Informationsbeschaffung trete der Inhalt. Der sei über Ländergrenzen hinweg und unabhängig von der äußeren Form zugänglich zu machen. „Wenn es die Bibliotheken schaffen, sich auf die Informationsbeschaffung und den Umgang mit Inhalten zu spezialisieren, dann könnten sie Teil einer neuen digitalen Hilfswissenschaft werden“, erklärt der Professor. Diese Kompetenz vermittle der Studiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Humboldt-Universität seinen Studenten. Eine Idee, wie die Zukunft der Bibliothek aussehen könnte, geben Projekte wie die Deutsche Digitale Bibliothek oder die Europäische Digitale Bibliothek „Europeana“.

Bei all dem darf eine Fähigkeit eines modernen Informationsspezialisten nicht in den Hintergrund treten: die kaufmännische Kompetenz. „Finanz- und Personalressourcen sind in Bibliotheken schon immer knapp“, sagt Cornelia Vonhof. Deshalb werden in ihrem Studiengang auch klassische betriebswirtschaftliche Inhalte gelehrt, wie Controlling und strategisches Management. Die Anforderungen, die in dieser Entwicklung an einen modernen Bibliothekar gestellt werden, sind hoch. Noch höher ist die Erwartung an seine Flexibilität: Alle fünf bis zehn Jahre kann er damit rechnen, dass er sein komplettes Wissen umpflügen muss: eine große Herausforderung für die Bibliothekare der Zukunft, aber auch „extrem aufregend“, verspricht Stefan Gradmann.

Ausbildungswege:
Es gibt verschiedene Berufe und Ausbildungsmöglichkeiten für Tätigkeiten in Bibliotheken. An zahlreichen Fachhochschulen und Universitäten werden Bibliothekare in verschiedenen Bachelor- und Master-Studiengängen auf Tätigkeiten im gehobenen oder höheren Dienst beziehungsweise auf Tätigkeiten mit Leitungsfunktionen vorbereitet. Die Internetseite www.hochschulkompass.de gibt eine Übersicht über alle in Deutschland angebotenen Grund- und Aufbaustudiengänge.

Wissenschaftliche Bibliothekare arbeiten vorwiegend in den Bibliotheken von Hochschulen. Sie müssen einen Studienabschluss in einem Fach mitbringen, damit gewährleistet ist, dass sie fachlich mit Wissenschaftlern kommunizieren können. Zusätzlich zu ihrem Fachstudium müssen sie eine bibliothekarische Ausbildung absolvieren. Diese besteht entweder aus einem Referendariat beziehungsweise Volontariat oder aus einem zusätzlichen Masterabschluss im Bereich Bibliotheks-und Informationswissenschaft.

Die klassische duale Ausbildung ist die zum Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste. Die Voraussetzung für diese Ausbildung ist mindestens der mittlere oder Realschulabschluss. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Im öffentlichen Dienst arbeiten die Fachangestellten in der Regel im mittleren Dienst.

www.bibliotheksportal.de/themen/beruf/berufsverbaende.html

Deutscher Bibliotheksverband e.V.
www.bibliotheksverband.de
www.bibliotheksportal.de


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